Der Tagesspiegel : Die Wüste naht

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ClausDieter Steyer über die Folgen des neuen Klimas für Brandenburg

ANGEMARKT

Als vor einigen Wochen ein Kamel über den Lausitzring stolzierte, freuten sich die Zuschauer. Endlich hatte sich die Geschäftsführung der Rennstrecke mal eine amüsante Pausenunterhaltung ausgedacht, so meinten sie. Die reagierte mit dem Tier allerdings nur auf einen Spaß von Harald Schmidt. Manfred Stolpe, so lästerte der Entertainer, habe den Lausitzring doch nur gebaut, um eine Etappe der Wüstenrallye Paris-Dakar austragen zu können. Denn Brandenburg sei schon heute mit einer Wüste vergleichbar - mit einem Unterschied: Die Wüste lebt.

Über Schmidt konnte man damals unbeschwert lachen, denn die große Trockenperiode stand den übrigen Landesteilen noch bevor. Brandenburg aber litt schon seit Februar unter einem Niederschlagsdefizit von 60 bis 80 Prozent gegenüber dem langjährigem Mittel. Bilder von knochenharten und staubigen Böden, langsam versiegenden Flüssen und vertrockneter Ernte ähnelten viel weiter südlich gelegenen Regionen.

Auch wenn Kamele wahrscheinlich noch lange nicht zum Brandenburger Bild gehören, müssen sich die Bewohner der Mark und mit ihnen die Berliner wohl auf gravierende Veränderungen einstellen. Denn glaubt man den Klimaforschern, erwartet uns eine Versteppung. Was den Sonnenhungrigen freut, hat dramatische Folgen für Land- und Forstwirtschaft. Schon jetzt beginnt ein Absterben vieler Bäume, weil ihnen das Wasser fehlt. Viele Landwirte fragen sich, ob sich ein Wirtschaften hier noch lohnt. Mais oder Raps dürften kaum noch Chancen haben. Ebenso werden die Tierbestände zurückgehen. Ihnen fehlt das Grünfutter, das schon heute nicht mehr im erforderlichen Maße wächst.

Die 3000 Seen werden zwar nicht von heute auf morgen verschwinden, aber schon jetzt mangelt es mancherorts an der nötigen Verdünnung. Das Grundwasser zieht sich zurück. So könnte irgendwann die jetzt noch berühmte klare Wasserqualität ins Schwanken geraten.

An überzeugenden Konzepten für die neue Situation fehlt es bislang. Der begonnene Waldumbau von der Monokultur der Kiefer zum Mischwald mit Buchen, Linden, Erlen und Eschen, der viel zur Grundwasser-Neubildung beiträgt, ist nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. In der Landwirtschaft gibt es kaum Ideen, wie es mit den schon jetzt sehr ertragsschwachen Böden weitergehen soll. Auch der Spreewald, noch immer Brandenburgs wichtigstes Tourismusziel, wird sich verändern. Denn das Wasser reicht nicht mehr aus, um alle Fließe ausreichend zu füllen. Zu DDR-Zeiten pumpte der Bergbau jährlich viele Millionen Kubikmeter in die Spree, die sich darauf mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt einstellte. Schon jetzt sind die Folgen einer geringeren Wasserzufuhr zu spüren. In Berlin und Umgebung gleicht die Spree eher einem stehendem Gewässer als einem Fluss.

Doch selbst Wirtschaftszweige, die bislang wenig mit Trockenheit in Verbindung gebracht werden, müssen sich umstellen. Der Blick auf die gerade in Brandenburg sehr verbreiteten Windkrafträder genügt: Sie stehen seit Wochen still. Ähnliches gilt für die ins Stocken geratene Flutung von Tagebauseen oder die Pläne für den Ausbau von Wasserstraßen. Sie müssen wohl grundlegend überdacht werden.

Auch wenn die Trocken- und Hitzeperiode möglicherweise bald vorbei ist, wird Brandenburg nicht so bleiben wie es war. Vielleicht fühlen sich Kamele doch irgendwann einmal wohl in Brandenburg – nicht nur als Pausenunterhaltung auf dem Lausitzring.

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