Der Tagesspiegel : Die Zeitung von gestern – hier wird sie neu

In Schwedt entsteht das Papier für den Tagesspiegel. Das Material ist der Inhalt der blauen Tonnen

Volker Eckert

Schwedt. Hunderttausende Zeitungen und Zeitschriften landen in Berlin jeden Tag in den Briefkästen und Kiosken – und früher oder später im Altpapier. Tausende von Tonnen werden so jedes Jahr gelesen und weggeworfen, ein riesiger Papierberg. Doch Manfred Albrecht reicht das noch nicht. Der stellvertretende Werksleiter der Papierfabrik von UPM-Kymmene in Schwedt braucht im Jahr noch mehr Alt-Zeitungen und -Zeitschriften, als Berlin ihm liefern kann.

In der Fabrik von UPM in Schwedt wird Zeitungspapier gemacht – auch für den Tagesspiegel. Bis zu 280 000 Tonnen spuckt die monströse Maschine PM 11 jährlich aus. Damit kann man mehr als zweimal das Saarland bedecken. Ein Viertel der UPM-Produktion verschluckt die Hauptstadtregion.

60 bis 70 Lastwagen verkehren täglich zwischen Berlin und der Stadt am nordöstlichen Rand von Brandenburg. Sie bringen jeden Tag den „Rohstoff“, wie Manfred Albrecht es nennt. Nur Zeitungen und Zeitschriften kann er für sein Papier gebrauchen. Zulieferer wie Alba sortieren deshalb vor – aber nur grob.

Deshalb steht Ines Gast in der Altpapierhalle, hinter ihr ein Gebirge aus Papier. Sie empfängt die ankommenden Lastwagen und prüft die Ladungen. Rund fünf Lieferungen pro Tag lehne sie ab. Meist sei zu viel Pappe dabei – manchmal aber auch Autoreifen. Doch auch was sie durchlässt, muss nochmals aussortiert werden. Ein Bagger schaufelt das Altpapier auf ein Förderband, Maschinen ziehen raus, was nicht hineingehört: CDs, Bierdeckel, Teddybären, Schrauben, Plastikflaschen. Manfred Albrecht schüttelt den Kopf: „Was die Leute alles in die blaue Tonne werfen…“

Nun kommt das Papier in zwei Auflösetrommeln. Jede ist 30 Meter lang, bei einem Durchmesser von fünf Metern. Hier wird das Papier durch Zugabe von Wasser verflüssigt, die winzigen Fasern, aus denen es besteht, lösen sich voneinander. Es entsteht ein grauer Brei, der durch Rohre in die benachbarte Halle läuft. Über einer Fläche fast so groß wie ein Fußballfeld windet sich ein Labyrinth von grauen Rohren, Behältern, Pumpen, verbunden durch ein verzweigtes System von Treppen und Stegen. Läuft man darüber, ist das Vibrieren der Maschinen in den Fußsohlen zu spüren, das Geländer wackelt. Es ist heiß und riecht nach feuchtem Papier. In den Behältern wird die Druckerschwärze durch chemische Zusätze und Hitze gebunden und dann von der Fasermasse abgeschöpft.

Der Aufstieg der Stadt zum Industriestandort begann 1959 mit der Papierfabrik Schwedt. Hier machte Manfred Albrecht 1964 eine Lehre als Papiermacher. Nach vier Jahren Studium kehrte der kleine Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und dem breiten Lächeln in die Uckermark zurück. Größter Arbeitgeber war damals noch die PCK-Raffinerie, doch nach der Wende wurden 7000 von 8000 Angestellten entlassen, die Stadt hat seitdem ein Fünftel ihrer 52 000 Einwohner verloren. Doch die Papier-Produktion in Schwedt hat sich weiterentwickelt. Das UPM- Werk wurde 1991 gebaut, es gibt noch zwei weitere. Allein bei UPM arbeiten 320 Menschen. Heute ist Schwedt einer der größten Standorte der Papierindustrie Deutschlands – auch dies eine Erfolgsgeschichte im „Aufbau Ost“.

In der Haupthalle liegt die 120 Meter lange Maschine PM 11. Sie mischt die gereinigte Masse aus Papierfasern mit Wasser und presst sie zu einer 8,50 Meter breiten Bahn, die mit fast 100 Stundenkilometern durch das Innere der Maschine rast, wobei durch Druck und Hitze die Feuchtigkeit wieder entzogen wird. Nach wenigen Sekunden ist aus der zähen Masse glattes Papier geworden, Wasseranteil: acht Prozent. Eine Metallrolle am Ende der Maschine wickelt etwa 100 laufende Kilometer auf – fast 40 Tonnen Papier. Ist die eine Rolle voll, wird die Papierbahn bei unverminderter Geschwindigkeit auf die nächste Rolle übergeleitet, ein technisches Kunststück, auf das Albrecht besonders stolz ist.

Ihr Gewicht kann die fertige Rolle aber nicht lange halten. Im nächsten Arbeitsgang wird sie wieder aufgerollt, zerschnitten und zu vielen kleinen Rollen gemacht. Die werden vermessen, gewogen und verpackt. In ihrem geblümten Einpackpapier erinnern die kürzeren ein wenig an überdimensionale Klopapierrollen.

In den kommenden Tagen werden die meisten dann an die Druckereien ausgeliefert. Und am nächsten Morgen halten die Tagesspiegel-Leser das Papier schon wieder in den Händen.

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