DIE INSEL DER GLÄUBIGEN IDYLL DER UNGLÄUBIGEN : Klare Verhältnisse

Dialog an einer Bushaltestelle weit im Osten:

„Schon mal von Pro Reli gehört?“ – „Hä?“ – „Der Volksentscheid für den Religionsunterricht.“ – „Erdkunde? Oder wat meen se jetze?“ – „Nee, Religion.“ – „Hatt’ ick nich in der Schule.“

Das Gespräch holpert noch etwas dahin, führt aber zu keiner wirklichen Verständigung. Die beiden sehr jungen Mütter werden den Volksentscheid mit Sicherheit verpassen. Immerhin haben sie den Bus Richtung Hohenschönhausen erwischt.

Ortstermin in Falkenberg, das liegt zwischen Wartenberg und Ahrensfelde, ein kleines Straßendorf, gesäumt von Feldern und Feuchtbiotopen, bekannt vor allem durch das Berliner Tierheim. Noch im April 1945 haben deutsche Soldaten die Dorfkirche gesprengt, um den Vormarsch der Roten Armee zu behindern. Später wurde das zerbombte Gutshaus abgerissen und durch einen gesichtlosen Verwaltungsbau des nachfolgenden „Volkseigenen Gutes“ ersetzt. Seitdem sucht der Ort seine Mitte, da geht es ihm nicht anders als der Großstadt Berlin.

Die Kirchen vertreten nur noch sieben Prozent der 1152 Falkenberger, nebenan in Wartenberg sind es 8,5 Prozent. Eine Bastion der Ungläubigen, so scheint es. Die Initiative Pro Reli hat gar nicht erst plakatiert, zu sehen sind nur die betenden Hände vor vergilbter Mustertapete, mit denen die Linke versucht, die Organisatoren des Volksentscheids als verstockte Frömmler abzukanzeln. Eine untersetzte Frau mit Jimmy-Hendrix-Frisur und Sonnenbrille nimmt ihre Musikstöpsel aus den Ohren, um eine Meinungsäußerung abzugeben. „Religion ist frei wählbar. ’ne Partei auch.“ Sie hat sich entschieden, keiner Kirche oder Partei anzugehören. Beim Volksentscheid will sie abstimmen, natürlich gegen Pro Reli.

Auf der anderen Straßenseite ordnet Manfred Menzel – Latzhose, kariertes Hemd, Tarnkappen-Basecap – seine Stiefmütterchen, die er für 30 Cent das Stück verkaufen möchte. Menzel ist jetzt 70, hat die ganze DDR mitgemacht, die meiste Zeit davon in der Falkenberger LPG „1. Mai“. Im Oderbruch, wo er aufgewachsen ist, ging er, wie alle, zur Christenlehre. Die Oma sagte: „Geh zum Pfarrer und bring ihm ’ne Wurscht mit.“ Später ist er dann ausgetreten, wie fast alle ausgetreten sind. Er ist nicht gegen Kirche, seine Frau gehe regelmäßig zum Singen. „Das sollte jeder selbst entscheiden. Keine Diktatur.“

Mit dem Niedergang der DDR-Landwirtschaft wurden viele Falkenberger arbeitslos, inzwischen sind die meisten auf Rente. Nur wenige der alten Backsteinhäuser sind saniert. In den Höfen, wo früher Vieh gehalten wurde, haben sich Autowerkstätten und Gebrauchtwagenhändler eingerichtet. Am Ortseingang ist eine Ruine zu bestaunen. Dahinter ein gelb strahlender Neubau. Wenn hier gebaut wird, dann in zweiter Reihe, um den Straßenlärm zu dämpfen. Ohne die völlig überlastete Dorfstraße könnte Falkenberg ein idyllischer Rückzugsort für Großstadtmüde sein. Und tatsächlich zählt der aktuelle Sozialstrukturatlas das Dorf zu den Top Ten der Berliner Wohnlagen. Es reiht sich ein zwischen Freie Universität im Westen und Rauchfangswerder im Südosten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 5 Prozent, der Einwohnerzuwachs bei 4,5 Prozent.

In der sanierten Dorfkate, dem alten Gesindehaus des Gutes, hat sich der Förderverein Landschaftspark Nordost eingerichtet. Von hier aus können Wanderer die Barnimer Feldmark erkunden. Bernd Lichtenberg ist Chef des Fördervereins, ein Mann mit grau meliertem Haar und Hosenträgern. Er hält Distanz zur Kirche, findet Ethikunterricht besser als Religion, lobt aber den örtlichen Pfarrer als „anerkannte Persönlichkeit“, der sich auch um die weltlichen Belange der Menschen kümmere. „Der sitzt auch in der BVV Lichtenberg. Entscheidend ist für mich, was Leute bewegen wollen.“

Einer von Lichtenbergs Mitarbeitern ist Axel Böttcher, ehemals Baufacharbeiter, jetzt Ein-Euro-Kraft im Infobüro des Vereins. Pro Reli? „Ich bin Heide“, sagt Böttcher und lacht bis tief in seinen gewölbten Bauch hinein. Der Volksentscheid interessiert ihn nicht. Eher als in ihre neue Kirche – die wurde in Wartenberg errichtet – gehen die Falkenhagener zum Osterfeuer der freiwilligen Feuerwehr. Da gibt es „Getränke, Grill und Gulaschkanone, Fackelumzug und Knüppelkuchen.“ Ein Event für alle Sinne und, wie man weiß, heidnischen Ursprungs.

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