Der Tagesspiegel : Diesseits der Depression

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ClausDieter Steyer über die unterschiedliche Weihnachtsstimmung in Brandenburg

ANGEMARKT

Die bevorstehenden Tage der Besinnung könnten in Brandenburg eine kollektive Depression auslösen. Überall dominieren betrübliche Nachrichten. Wirtschaftlich reicht die Pleitenbilanz vom Cargolifter über den Lausitzring bis zum Chemiestandort Premnitz. Dazu kommen geplatzte Hoffnungen auf Investoren in Wittenberge, in Schwedt und in Grünheide. Das kaum noch verständliche Gerangel um die Chipfabrik in Frankfurt gehört ebenso dazu wie das Desaster um die Wiederbelebung der einstigen Militärstadt Wünsdorf. „Dramatische Abwanderung“, „Vergreisung der Dörfer“, „Leerstand zehntausender Wohnungen“ und „Krise in der Hotelbranche“ lauten weitere Stichworte für das Befinden in Brandenburg.

Von Weihnachtsstimmung dürfte bei dieser schonungslosen Aufzählungen eigentlich keine Rede sein. Doch wer in diesen Tagen im Land unterwegs war, stieß keineswegs nur auf Menschen mit hängenden Köpfen oder verstörten Blicken. Die Zahl der Weihnachtsmärkte erreichte Rekordwerte. Menschen strömten an die Stände und leisteten sich durchaus nicht nur Schnäppchen. Außerdem leuchten Häuser in allen Regionen in einem nie gekannten Lichterglanz. In den Einkaufszentren herrschte nicht weniger Betrieb als in den Jahren zuvor.

Ein Widerspruch? Keineswegs. Denn Brandenburg produziert eben nicht nur Negativschlagzeilen. Positive Ergebnisse überwiegen sogar. Wahre Erfolgsgeschichten schreiben die Triebwerksbauer von Rolls Royce in Dahlewitz, die BASF AG in Schwarzheide, die Stahlwerke in Eisenhüttenstadt und Brandenburg, das junge Team der Flugzeugbauer in Schönhagen und mit Abstrichen sicher auch Daimler-Chrysler in Ludwigsfelde und das Reifenwerk in Fürstenwalde. Fortschritte bei Öko-Bauern, eine ausgewogene Naturschutzpolitik, die Restaurierung vieler Innenstädte, die Wiederbelebung baufälliger Herrenhäuser oder die gute Nachbarschaft an der deutsch-polnischen Grenze gehören zur Aufzählung, die das Bild vom Land erst komplett machen.

Dennoch bestimmen natürlich zu Recht die Sorgenfälle gerade in der Weihnachtszeit die Aufmerksamkeit. Denn mit jedem Konkurs steigt die Zahl der Arbeitslosen, mit jeder unerfüllten Hoffnung auf neue Jobs vergrößert sich die Perspektivlosigkeit. Wie stark diese Sorgen viele Familien belasten, zeigt ein Blick ins Weihnachtspostamt im idyllischen Himmelpfort im Brandenburger Norden. Auf den Wunschzetteln der Kinder finden sich inzwischen nicht nur Spielzeug, Computer, CDs oder Harry-Potter-Utensilien. „Arbeit für Mutti“ und „Arbeit für Vati“, ist da häufig zu lesen. Im großen Postberg stellen sie zwar die Minderheit. Aber niemand sollte diese Hilferufe missachten, die genauso wie die positiven Nachrichten zum Alltag in Brandenburg gehören.

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