Doping-Experte Thevis : "Die Kontroll-Mechanismen greifen"

Der Doping-Experte Mario Thevis bewertet den Dopingfall Riccardo Ricco für den Radsport als katastrophal. Der Professor für präventive Dopingforschung gratuliert den Kollegen in Frankreich aber auch "zu ihrem großen Erfolg", wie er im Exklusiv-Interview mit Tagesspiegel.de sagt.

Matthias Bossaller
Riccardo Ricco
Am Pranger: Der Dopingsünder Riccardo Ricco. -dpa

Herr Professor Thevis, hat es Sie überrascht, dass es bei der Tour de France schon den dritten Dopingfall gibt und es in Riccardo Ricco einen prominenten Fahrer erwischt hat?

Grundsätzlich überrascht es mich schon, dass mittlerweile zahlreiche Epo-Fälle vorliegen. Allerdings sollten wir das Ganze noch mit einer Art Konjunktiv versehen und die B-Probe abwarten, auch wenn wir annehmen, dass die B-Analyse die A-Analyse bestätigen wird. Im Fall Ricco hat es sich gezeigt, dass ein sehr neues Präparat (Cera) verwendet wurde. Umso mehr muss man den Kollegen in Frankreich zu ihrem großen Erfolg gratulieren.

Das bedeutet also, dass die neuen Kontrollmechanismen greifen?

Das zum einen. Zum anderen bestätigt es auch, dass wir die neuen Epo-Präparate durchaus mit der konventionellen Epo-Analytik erfassen können. Das Szenario, dass wir die neuen Epo-Varianten ohnehin nicht erfassen können, ist somit nicht eingetreten.

Was zeichnet das neue Epo-Präparat aus?

Es ist seit einem halben Jahr auf dem Markt. Es zeichnet sich durch eine besonders lange Haltbarkeit im Körper aus. Der Patient, der an Blutarmut und Niereninsuffizienz leidet, muss nur alle 14 Tage oder sogar nur alle vier Wochen eine Epospritze bekommen. Die Mengen, die verabreicht werden, sind außerdem deutlich geringer als bei herkömmlichen Präparaten. Das hat den Sportler möglicherweise dazu verleitet zu glauben, dass eventuell weniger zu finden ist. Allerdings sind Präparate, die lange im Köper zirkulieren auch lange Zeit nachweisbar.

Glauben Sie, dass die Tour nach den neuerlichen Dopingfällen in ihren Grundfesten erschüttert ist? Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres hatte man doch gehofft, dass Besserung eingekehrt sei.

Wir hatten wirklich angenommen, dass weniger Dopingfälle auftreten werden. Jetzt sind wir mit Fällen konfrontiert worden, die wir nicht wollten. Der Radsport wird mit diesen Problemen umzugehen haben und das ist für den Sport sicherlich katastrophal.

Glauben Sie denn, dass die Rad-Profis trotzdem munter weiterdopen, weil sie glauben, sie werden schon nicht erwischt?

Jetzt wollen wir erstmal die weiteren Analysen abwarten. Ich hoffe aber, nicht nur für den Sport sondern auch für die teilnehmenden Athleten, dass nun auch die Letzten zur Vernunft gekommen sind und feststellen, dass Doping im Sport nichts zu suchen hat.

Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Es wird ja oft die These aufgestellt, Dopingmittel freizugeben, damit alle Fahrer unter gleichen Bedingungen an den Start gehen. Würden Sie das befürworten?

Auf gar keinen Fall. Die gesundheitlichen Konsequenzen hätten dann nicht nur die Leistungssportler zu tragen, sondern auch diejenigen, die sich an den Profis als ihre Idole orientieren. Wenn sie Dopingmittel freigeben, ist das ein Freifahrtsschein auch für den Breitensport. Jeder Nachwuchssportler orientiert sich an seinen großen Idolen. Und wenn die nachweislich mit Dopingmitteln arbeiten, ist dies sehr wahrscheinlich, dass dann wenig oder gar nicht kontrollierte Sportler zu Dopingmitteln greifen.

ARD und ZDF haben sich entschlossen, trotz des neuerlichen Dopingfalls die Tour de France weiter zu übertragen. Finden Sie das richtig?

Schwer zu sagen. Ich habe aus Zeitgründen sehr wenig von der TV-Übertragung mitbekommen. Wenn man kritisch mit dem Thema umgeht, auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Zuschauer zu langweilen, halte ich das für den richtigen Weg. Das Dopingproblem kann nur behoben werden, wenn man sich ihm stellt. Dazu müssen aber alle an einem Strang ziehen, und die Medien tragen wesentlich dazu bei.

Warum tauchen eigentlich speziell im Radsport immer wieder Dopingfälle auf?

Tut es gar nicht. Es ist nur so, dass die Öffentlichkeit es beim Radsport intensiver wahrnimmt. Es gibt mindestens genauso viele Dopingfälle in anderen Sportarten. Nur hat der Radsport aufgrund der vielen Skandale in den vergangenen Jahren, ein besonders angeschlagenes Image.

Der Fußball steht doch auch sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Dort wird das Thema Doping aber weitestgehend tot geschwiegen. Es heißt dann auch oft, beim Fußball würde Doping nichts bringen.

Radsport ist ein besonders ausdauerintensiver Sport. Dort können sie mit Medikamenten deutlich intensivere Leistungssteigerungen erzielen als möglicherweise in Spiel- und Mannschaftssportarten. Nichtsdestotrotz kann auch im Fußball mit Dopingmitteln die Leistung gesteigert werden. Denn auch dort gibt es eine hohe Ausdauer- und Kraftkomponente und es wird zudem sehr viel Geld verdient. Deshalb ist es nicht auszuschließen, dass im Fußball ebenfalls Dopingmittel zum Einsatz kommen können. Möglicherweise passiert es dort aber nicht in den gleichen Unfängen, wie in deutlich ausdauerbetonteren Sportarten.

Sind denn die Kontrollmechanismen beim Fußball vergleichbar mit anderen Sportarten wie etwa der Leichtathletik oder eben dem Radsport?

Im Fußball hat es jahrelang so gut wie keine Trainingskontrollen gegeben. Doch das hat sich enorm gebessert. In diesem Jahr haben sich die Zahlen der Tests im deutschen Fußball um ein Vielfaches erhöht. Allerdings sind viele andere Sportarten bezüglich der Dopingbekämpfung weniger aktiv und innovativ. Hier kann man den Radsport auch positiv hervorheben.

Müssen wir bei Olympia in Peking auch wieder mit vielen Doping-Fällen rechnen, wie schon 2004 in Athen?

Ich denke, dass wir in Peking wenige Dopingfälle haben werden. Das liegt daran, dass im Vorfeld Sportler, Verbände und Zuschauer für das Thema Doping sensibilisiert wurden. Da möchte sich kein Sportler und kein Verband die Blöße geben, wegen eines Dopingvergehens aufzufallen sondern wegen besonderer sportlicher Leistungen.

Es wird doch aber bestimmt immer die Möglichkeit geben, mit technischen Hilfsmitteln die eingenommenen Substanzen zu kaschieren?

Das kann man auf gar keinen Fall ausschließen. Und wir werden es bei Olympia auch nicht ausschließlich mit Sportlern zu tun haben, die noch nie mit Dopingmitteln gearbeitet haben. Aber wir können den hoffentlich wenigen betrügerischen Athleten das Leben so schwer wie möglich machen.