Doping-Verdacht : Blasse Erinnerung

Trotz der ganzen Doping-Beichten ist von Jan Ullrich nichts zu hören. Was sind die Gründe für sein Schweigen?

Mathias Klappenbach
Jan Ullrich
Foto: ddp

Jetzt erinnert sich Jef d’Hont auf einmal wieder anders. Er habe Jan Ullrich doch nicht persönlich das Blutdopingmittel Epo gespritzt, sagte der ehemalige Masseur des Teams Telekom am Pfingstsonntag in einem Radiointerview in den Niederlanden. Im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ vom gleichen Tag hatte er noch behauptet, Ullrich einmal persönlich Epo in den Arm gespritzt zu haben. Jetzt will d’Hont, dessen Enthüllungsbuch in Belgien auf Platz eins der Bestsellerliste steht und die Geständnisse im Radsport entscheidend mitausgelöst hat, erst in drei Wochen wieder Details bekannt geben.

Es mag dafür rechtliche Gründe geben. Schon bei der Präsentation seines Buches war d’Hont verschiedenen Fragen nach Einzelheiten ausgewichen – vielleicht, um sein Buch spannend zu halten. Vielleicht aber auch, weil er nicht von einem der von ihm Beschuldigten – zum Beispiel von Jan Ullrich – verklagt werden will. D’Hont sagt, er habe alle schriftlichen Beweise für seine Behauptungen vernichtet, als er im Doping-Skandal von 1998 selbst angeklagt war.
 

„Ich habe niemanden betrogen.“ Das ist das entscheidende Zitat, mit dem Ullrich zurzeit immer wieder konfrontiert wird. Die Fans, die immer noch treu zu ihm stehen, mögen das vielleicht sogar so sehen. Schließlich war Doping mit Epo die Regel, und wer unter den gleichen Voraussetzungen wie die anderen am schnellsten die Berge hochkommt, wäre auch so der Beste gewesen. „Wenn alle sauber gewesen wären, hätte Ullrich zehnmal die Tour gewonnen. Mindestens!“, sagt auch Jef d’Hont. Aber Ullrichs Schweigen hat nur wenig damit zu tun, wie er im Moment moralisch in der Öffentlichkeit dasteht – oder dastehen würde, wenn er sich erklären würde.

T-Mobile Teamchef Rolf Aldag beispielsweise will genau 2002 mit dem Doping aufgehört haben. Also in dem Jahr, das 2007 nach den Regeln nicht mehr sanktionierbar ist. Aldag hat keine Konsequenzen zu befürchten.

Anders als die anderen, die inzwischen verjährte Vergehen eingestanden haben und ihre Jobs im Radsport behalten dürfen, hat Jan Ullrich aber konkret eine Menge zu verlieren. Er ist aktuell beschuldigt, und in Italien gesteht der ebenfalls belastete Ivan Basso auch nur so viel ein wie er muss.

Gegen Jan Ullrich wird immer noch strafrechtlich ermittelt. Diese Ermittlungen, in deren Zuge Ullrichs Haus durchsucht wurde und während denen er eine DNS-Probe abgab, die mit dem in Spanien sichergestellten Blut übereinstimmte, waren nach einer Strafanzeige der Juristin Britta Bannenberg aufgenommen worden. Die Anzeige lautet auf Betrug zum Nachteil von Ullrichs ehemaligem Arbeitgeber, dem Team T-Mobile. Die Juristin Bannenberg hatte diese Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Bonn quasi als Vehikel benutzt, damit wegen eines fehlenden Anti-Doping-Gesetzes überhaupt Ermittlungen aufgenommen werden.

Es ist Ullrichs gutes Recht, und das gilt generell für alle im Strafrecht Verdächtigen, sich zu einem laufenden Verfahren nicht zu äußern. Anwaltlich scheint er damit nicht schlecht beraten. Die Verteidigungslinie ist ohnehin strikt. So trennte sich Ullrich in der vergangenen Woche von einem seiner Anwälte, Peter-Michael Diestel. „Was mein Mandant wusste und was er eingenommen hat, ist nach meinen Dafürhalten ganz anders zu bewerten“, hatte Diestel nach den Geständnissen gesagt und damit einen Wechsel der Strategie angedeutet. Wo Doping systematisch gewesen sei, könne von Betrug keine Rede sein. Dies kam für Ullrich wohl einem indirekten Schuldeingeständnis gleich und führte zur Trennung.

Die drohende Verurteilung wegen Betrugs muss nicht das einzige Motiv für Ullrichs Schweigen sein. „Er könnte sich mit den Behörden durch ein Geständnis sicher auf eine Geldstrafe einigen. Seine Hauptangst hat mit eventuell drohenden Regressansprüchen von T-Mobile zu tun. Dann wäre er pleite“, sagte der Sportrechtsanwalt Michael Lehner. Er vertritt den Doping-Gegner Werner Franke, der Ullrich wegen Meineids verklagt hatte.

Ob T-Mobile solche Regressansprüche aber überhaupt erheben könnte, ist nicht klar. Zwar wurde Ullrich zunächst fristlos gekündigt, alles Weitere aber später in einer Vereinbarung geklärt, über deren Inhalt nichts bekannt ist.

Die Frage, wen oder was Ullrich nun betrogen hat, bleibt weiter offen. In diesem Zusammenhang könnte es sich noch als relevant erweisen, inwiefern es stimmt, dass keiner der Geständigen davon etwas mitbekommen haben will, ob sein Zimmerkamerad dopt oder nicht. Die nächsten Details darüber, was Betrug heißen kann, dürften eher von Jef d’Hont kommen als von Jan Ullrich.