Dramaturgen-Tagung : Mortier gegen Opern-Übertragungen im Kino

Gérard Mortier hält nichts von Opernübertragungen im Kino: "Wir sollten nicht die Oper in die Kinos bringen, wir müssen die Menschen aus den Kinos in die Oper bringen". Außerdem fordert er die Oper auf, zukünftig in Industriegebäuden zu spielen.

Gérard Mortier
Gérard Mortier rät der Oper sich gesund zu schrumpfen und sagt, auf welche Häuser er verzichten könnte. -Foto: ddp

Frankfurt am MainDie Initiative der New Yorker Metropolitan Opera, Aufführungen der "Met" weltweit live in Kinos zu zeigen, hält Mortier, einer der renommiertesten Intendanten der Gegenwart, "für den exakt falschen Weg". Damit verspiele die Oper das, was für diese Kunstform entscheidend sei: das Live- Erlebnis. "Wir sollten nicht die Oper in die Kinos bringen, wir müssen die Menschen aus den Kinos in die Oper bringen", sagte Mortier gestern zur Eröffnung der Tagung "Europäische Dramaturgie im 21. Jahrhundert" in Frankfurt. Von 2009 an wird Mortier Chef der New York City Opera.

Für die Zukunft der Opernhäuser wünscht sich Mortier, der derzeit die Pariser Nationaloper leitet, eine neue Architekturform. Seit Jahrhunderten gebe es es nur zwei Bauweisen, die griechische mit ihrem Amphitheater, und die italienische mit Parkett, Rängen und Logen. "Es gab lediglich vier Architekten, die innovative Ideen für den Opernhausbau hatten: Palladio, Schinkel, Scharoun und Wagner. "Mortiers Vorschlag: "Wenn wir keine neuen Theater bekommen, bauen wir keine mehr, sondern spielen künftig in Industriegebäuden." Das würde vielen guttun, glaubt der ehemalige Intendant der Salzburger Festspiele und der RuhrTriennnale und empfahl: "Raus aus den Häusern."

"Ich hasse veristische Opern"

Außerdem empfahl Mortier, das Repertoire gesundzuschrumpfen. "Oper darf kein Supermarkt sein mit ein bisschen was von Allem", sagte Mortier gestern in Frankfurt. In hundert Jahren würden aus dem heutigen Repertoire ebenso viele Stücke übrig sein wie von der griechischen Tragödie. Das seien zwar sehr wenige, dafür aber bedeutende. "Ich zumindest werde ganz froh sein, wenn einige Opern aus dem Repertoire verschwinden." Schon wenige Minuten später ließ er durchblicken, auf welche Opern er verzichten könnte. "Ich hasse veristische Opern", sagte er über Komponisten wie Puccini und ihren Anspruch, die Realität auf der Bühne abzubilden. "Die haben nicht verstanden, was Oper ist. Wirklichkeitsgetreu und Oper - das ist ein Widerspruch in sich." Auch "Capriccio" von Richard Strauss findet nicht seine Gnade: "Schlechte Musik, schlechter Text." Überhaupt wisse er nicht, weshalb er sich die Leitung der Pariser Oper angetan habe: "Vielleicht weil ich Camus' Essay über den Sisyphos-Mythos mag."

Zu der Konferenz "Europäische Dramaturgie im 21. Jahrhundert" werden bis Sonntag etwa 150 Dramaturgen, Intendanten und Organisatoren von künstlerischen Einrichtungen, Festivals und Ausbildungsinstituten erwartet. "Theater in Europa befindet sich in raschem Umbruch", finden die Veranstalter, der Studiengang Dramaturgie der Frankfurter Goethe-Universität und die Hessische Theaterakademie. "Hybridformen von Theater, Installation, Ausstellung, Tanz, Performance, Film und Medienkunst gewinnen an Bedeutung." Neben Workshops für Experten gibt es Podiumsdiskussionen, Vorträge und Theateraufführungen für die Öffentlichkeit. (mit dpa)