Der Tagesspiegel : Draumalandið erwacht

Zurück zu Trollen und Tofu-Broten? Das kleine Island, krisengeschüttelt und pleite, entdeckt etwas Wundersames: seine Natur

Alva Gehrmann

Der Wind pfeift lautstark um den Jeep und lässt ihn leicht hin- und herschaukeln. Man könnte jetzt auch gemütlich in einem der vielen hübschen Cafés sitzen, doch die isländische Gesprächspartnerin will etwas Privates erzählen. Da hier in Reykjavík jeder jeden kennt, ist das Auto der einzige Ort, an dem garantiert kein anderer zuhört. Und so hockt sie am Rande der isländischen Hauptstadt auf einem Parkplatz in ihrem total überhitzten Wagen, bietet auf einem Plastikteller mitgebrachten Möhrenkuchen an, der mit Plastikbesteck gegessen wird. Dazu gibt es Kaffee aus Plastikbechern.

Da sie beim Erzählen viel raucht, kurbelt sie zwischendurch das Fenster herunter, zwecks Frischluftzufuhr. Das Ergebnis des einstündigen Treffens: viel Plastikmüll, verqualmte Klamotten, Schnupfen – und ihr privates Geheimnis. Man hätte auch am Strand spazieren gehen können, in dicke Klamotten gehüllt, die frische Brise um die Ohren, den Blick auf die raue See, doch das ist nicht so ihr Ding – offensichtlich auch nicht das vieler anderer: Auf dem Parkplatz stehen an diesem Nachmittag viele vollbesetzte Geländewagen.

Jeeps sind auf der Vulkaninsel im fernen Nordatlantik das Symbol für den Triumph über die widrige Natur, die so viele Jahrhunderte das Leben der Menschen bestimmte, sie in die Schranken wies. Heute können sie mit ihren Monsterjeeps auf Gletscher fahren oder Flüsse durchfurten. In Reykjavík sehen die riesigen Karosserien deplatziert aus, verwundern tun sie aber nur Touristen. Die Isländer sind autoverrückt, die Pkw-Dichte ist größer als in Deutschland.

Ökologische Bedenken hatte die Mehrheit der Bevölkerung bisher nicht. Warum auch? Die unberührte Natur schien endlos zu sein: Nur 15 Minuten Autofahrt, schon säumen moosbewachsene Lavafelder und grüne Wiesen den Straßenrand, türmen sich in der Ferne Gletscher und Berge auf, aus jedem Fluss kann man unbesorgt trinken. Zum Natur- Repertoire zählen Vulkane, Geysire und riesige Wasserfälle.

Erdwärme und Wasserkraft sind auch die Grundlage für den Energiereichtum Islands. Bereits in den 1940er Jahren baute man das geothermische Heizsystem auf. Fast alle Häuser werden durch heißes Wasser geheizt, 90 Prozent des Energiebedarfs werden von Wasserkraftwerken produziert. Grüne Energie, die nicht die Luft verpestet. Selbst entlegene Dörfer können sich dank der Hitze aus dem vulkanischen Untergrund Schwimmbäder leisten.

Die Isländer haben saubere Energie im Überfluss, und so nutzen sie sie auch! Neben den USA steht das Inselvolk beim Energieverbrauch an der Weltspitze. Sein Konsum ist alles andere als nachhaltig: Das sieht man beim Spaziergang über die Straße Laugavegur, Reykjavíks Flaniermeile. Im Schritttempo rollen die spritfressenden Jeeps durch, ihre Cola trinken die Leute aus Dosen, im Supermarkt ist selbst das Gemüse in Plastiktüten abgepackt. Recycling gibt es zwar, ökologisches Verhalten wird aber noch immer belächelt: Auch in der Sitcom „Næturvaktin“ (Nachtschicht) ist der Antiheld ein griesgrämiger Öko-Hippie, der zum Nachtdienst an der Tankstelle mit dem Fahrrad fährt, dort selbstgemachte Tofu- Brote verkauft und aus den Mülleimern Pfanddosen fischt.

Es heißt, erst, wenn man selbst betroffen ist oder die Umweltbedrohung mit den eigenen Augen sieht, ändere sich das Bewusstsein: So scheint es auch bei den Isländern zu sein. Mit Tränen in den Augen verließen Anfang April einige Besucher das Háskólabíó, Reykjavíks größtes Kino, wo Andri Snær Magnasons Film „Draumalandið“, Traumland, seine Premiere hatte. Die Dokumentation berichtet über Islands Schwerindustrie und zeigt den ökologische Raubbau an der vermeintlich endlosen Natur.

Fast drei Jahre arbeitete Andri Snær am Film, der das Follow-up seines gleichnamigen Buches ist, das den verheißungsvollen Untertitel „Selbsthilfebuch für eine verängstigte Nation“ trägt und 2006 für Furore sorgte. Zentrum seiner Kritik ist Europas größtes Staudammprojekt, das bis Herbst 2006 im Osten Islands in ein unberührtes Naturgebiet gebaut wurde: Der Kárahnjúkar-Staudamm ist ein Koloss von 195 Metern Höhe, der sogar den Drei-Schluchten-Damm in China um einige Meter überragt. Das dazugehörige Kraftwerk erzeugt Strom, nicht etwa für die Isländer, sondern für die Aluminiumschmelze des US-Konzerns Alcoa, die im 50 Kilometer entfernten Hafenort Reyðarfjörður steht.

Der Energiereichtum – er ist Segen und Fluch zugleich. Zwar sprudeln überall im Land die Quellen, aber Erdwärme und Wasserkraft kann man nicht wie Erdöl in Tanker füllen und in andere Länder exportieren. Also müssen die Isländer ihre Energie vor Ort nutzbar machen. Ausländische Investoren wie Alcoa locken vor allem die günstigen Energiepreise, denn bei der Herstellung von Aluminium macht Strom einen Großteil der Kosten aus. Die nächste Schmelze ist trotz sinkender Alu-Preise längst geplant.

„Es ist so traurig, dass viele Menschen diese wunderbare Natur gar nicht kennen, die jetzt zerstört wurde“, sagt der 35-jährige Vater von vier Kindern kurz nach der Premiere. Andri Snær hofft, mit seinem Film die Leute wachrütteln zu können. Die Doku zeigt, wie für das Kárahnjúkar-Projekt über 57 Quadratkilometer Natur unter den Wassermassen verschwanden – Moore, Heidelandschaften und die Nester der Kurzschnabelgänse. Das Premierenpublikum im überfüllten Saal wirkte fassungslos, wütend und lachte, als die damalige Industrieministerin Valgerður Sverrisdóttir in einer Szene sagt, dass für sie mit dem Staudamm ein Traum in Erfüllung gegangen sei.

„Draumalandið“ lässt die Politiker nicht gut dastehen. Populär sind sie im krisengeschüttelten Island ohnehin nicht. Dass kaum einer zur Filmpremiere kam, lag aber daran, dass zur selben Zeit im Parlament eine Sitzung lief. Stattdessen zeigten sich Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson und seine beliebte Vorgängerin Vigdís Finnbogadóttir. In einem Land mit knapp 320 000 Einwohnern, in dem sich jeder duzt, ist die Anwesenheit des Präsidenten nichts Ungewöhnliches und trotzdem eine Anerkennung.

Die ehemalige Präsidentin setzte auch im September 2006 ein wichtiges Zeichen, als sie bei einer Demonstration gegen den Kárahnjúkar-Staudamm in der ersten Reihe mitmarschierte – 3000 Menschen liefen mit Vigdís durch Reykjavík. 3000 klingt nicht viel, doch zu dieser Zeit waren öffentliche Proteste absolut unüblich. Es war, als würde man gegen seine eigene Familie demonstrieren. Schließlich sind alle irgendwie miteinander verwandt. Umso bemerkenswerter waren die martialischen Spruchbänder über die Industrieministerin: „Ertränkt Valgerður, nicht das Hochland“.

„Die Demonstrationen gegen den Staudamm haben den Grundstein für die heutigen Proteste zur Finanzkrise gelegt“, sagt Ósk Vilhjálmsdóttir. Die dreifache Mutter und Künstlerin engagiert sich seit Ende der 1990er Jahre für den Umweltschutz, gründete Umweltinitiativen, half bei der Organisation der Staudamm-Proteste. Sie nahm sogar an Kursen ausländischer Aktivisten teil, die den Isländern das richtige Demonstrieren beibringen sollten: Spucke keine Polizisten an, beleidige sie nie, denn sie machen ja nur ihren Job. Und wer weiß, vielleicht denken sie privat genauso wie du. Die 46-Jährige lebt mit ihrem Mann und den Kindern in einer kleinen Seitenstraße, das alte Holzhaus ist mit Wellblech verkleidet. Man wähnt sich auf dem Dorf und ist doch nur zwei Straßen von der Flaniermeile Laugavegur entfernt – mitten im Zentrum Reykjavíks. Ósk setzt Kaffee auf. Die schlanke Frau mit den langen, blonden Haaren trägt einen Pulli aus Schafswolle.

„Durch den Staudamm hat sich vieles geändert“, sagt sie. Kein anderes Projekt war bisher so umstritten, die Menschen fühlten sich zudem überrumpelt, da es zwischen den Wirren eines Regierungswechsels im Stillen beschlossen wurde. „Vigdís und andere Stars sind sehr wichtig für die Protestbewegung.“ Durch sie wird aus der kleinen kritischen Masse langsam eine breite Öffentlichkeit: Auch Weltstar Björk, die sich früher mit politischen Statements zurückhielt, steht heute an vorderster Front der ökologischen Bewegung. Bereits Anfang 2006 war sie bei einem Protestkonzert dabei, im Juni 2008 organisiert sie ihr eigenes: „Náttúra“, Natur.

Gemeinsam mit der Band Sigur Rós trat Björk auf einer Wiese in der Hauptstadt auf: 30 000 Besucher, also rund ein Zehntel der Bevölkerung, kamen zum kostenlosen Konzert. Bei schönstem Sonnenschein traf sich „Familie Island“, trank Bier und Cola, aß Hotdogs und genoss die heimischen Bands. Björks lautstarkes Engagement geht über Konzerte hinaus: Sie gründete eine Initiative, die nachhaltige Start-ups fördert. Knapp eine Woche nach dem Finanzcrash, im Oktober 2008, sagte sie auf einem Workshop: „Ich denke, dass es in diesen Zeiten wichtig ist, die Menschen daran zu erinnern, den Reichtum ihrer Natur nicht in der gleichen Weise auszubeuten, wie sie es mit dem ökonomischen Wohlstand getan haben.“ Schon früher meinte Björk, sie sei so patriotisch, dass es schmerze.

Vollen Körpereinsatz zeigte Anfang des 20. Jahrhunderts auch Sigríður Tómasdóttir, sie war eine der ersten und stursten Umweltschützerinnen. Als eine britische Firma plante, das Gelände rund um den riesigen Wasserfall Gullfoss zu kaufen, um dort einen Staudamm und ein Kraftwerk zu errichten, drohte Sigríður, sich in die tosenden Fluten des Wasserfalls zu stürzen. Der Staat kaufte schließlich das Gebiet, heute ist der Gullfoss ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen.

Es wäre also nicht fair zu behaupten, die Isländer entdeckten erst jetzt ihr ökologisches Gewissen – sie entdecken es wieder. Auch Halldór Laxness, der isländische Literatur-Nobelpreisträger, warnte vor fast 40 Jahren in seinem Artikel „Krieg gegen das Land“ vor dem Raubbau an der Natur. Doch damals fand er nur wenig Gehör. Das Land wollte – und will – sorglos konsumieren, Gewinne machen, sich schick einrichten, dicke Jeeps fahren. Daran hat sich nichts geändert. Alles auf Pump, denn Kredite erhielt so gut wie jeder. Dann kam der 6. Oktober 2008, der Crash. Schon die Monate davor sank die Isländische Krone, doch so richtig ernst haben das viele nicht genommen.

Ósk und ihre Freunde machten sich viele Gedanken – und wurden belächelt. Als sie ab 2003 mehrtägige Wandertouren in die bedrohten Gebiete anboten, bei dernen auch der Lebensraum wilder Gänse und Rentiere erkundet wurde, sagten Tourismusexperten zu ihnen: Warum macht ihr das? In ein paar Jahren ist die Region sowieso überflutet. Das rechnet sich nicht! Doch darum ging es den Umweltschützern, die heute mit ihrer Firma „Hálendisferðir“ verschiedene alternative Wandertouren anbieten, auch nicht: Sie wollten auf die Region aufmerksam machen. Fast 1000 Leute wanderten mit ihnen bis September 2006 dorthin – Ósk war als eine der Letzten vor Ort. Unmittelbar danach wurde die Brücke, die Verbindung zu Kárahnjúkar, abgerissen. „Es war ein sonniger Herbsttag und die Moospflanzen blühten“, erzählt sie. „Die Erde glühte förmlich, es war seltsam still.“

Auch Yrsa Sigurðardóttir liebte die dortige Ruhe. Nur dass sie auf der anderen Seite stand: Yrsa war leitende Ingenieurin des Kárahnjúkar-Staudammes. „Natürlich wissen wir, die an dem Projekt gearbeitet haben, dass da Dinge verloren gegangen sind. Aber wir glauben, dass mehr gewonnen wurde.“ Lange Zeit suchten die Menschen in der abgelegenen Region Ostislands nach Jobmöglichkeiten. „Jetzt haben immerhin rund 700 Leute eine Arbeit“, sagt die Ingenieurin. 450 direkt im Kraftwerk, 250 bei Zulieferfirmen. Die meisten seien Isländer, anders als noch beim Bau des Dammes – wo vor allem Chinesen zu niedrigeren Löhnen arbeiteten. „Das Thema ist, wie Religion, eine Glaubensfrage.“ Ihre Familie und Freunde kritisierten die 46-Jährige jedenfalls nicht. Die breite Masse, da ist sich Yrsa sicher, stehe noch immer hinter dem Staudammprojekt.

Die Frage bleibt: Wie viel Natur darf für wirtschaftliche Interessen geopfert werden? Wenn es nach der jetzigen Regierung geht, die aus einer Koalition der Sozialdemokratischen Allianz und der Linken/Grünen besteht und Umfragen zufolge am heutigen Samstag vermutlich wiedergewählt wird, könnte es schon bald mit den nächsten Energieprojekten unter Beteiligung ausländischer Investoren weitergehen. Außenminister Össur Skarphéðinsson, der auch Industrieminister ist, warb zuletzt am Rande des Nato-Treffens im Gespräch mit dem US-Präsidenten Barack Obama für seine Green Energy. Island ein sauberes Energieland?

Ósk findet das nicht. Zumindest nicht, wenn man Alu-Schmelzen baut und nun sogar diskutiert wird, Bohrlizenzen für Erdöl zu verkaufen, das vor der Küste entdeckt wurde. Die Umweltschützerin hat sogar ihre Scheu vor der Politik abgelegt und ist, gemeinsam mit rund 20 Freunden, Mitglied der sozialdemokratischen Regierungspartei geworden. „In Krisenzeiten experimentiert der Wähler nicht, also planen wir eine Revolution von innen“, sagt sie. Bei der letzten Landesvertretung konnten sie einige Umweltaspekte auf die Tagesordnung bringen und durchsetzen.

Die Krise ist für viele die Chance, gleich eine neue Gesellschaft zu gestalten – einen Paradigmenwechsel zu schaffen. Die Gründer von „Vatnavinir“ (Wasserfreunde) etwa wollen das wertvolle Wasser nutzen, um ein nachhaltiges „Wellness Country Iceland“ zu entwickeln. Wie schon die Blaue Lagune, ein bläulich schimmernder See aus geothermalem Wasser, könnten die natürlichen heißen Quellen und Schwimmbäder auf dem Land Spa-Liebhaber anlocken. Derzeit prüfen die Macher, zu denen Architekten, Philosophen und Desiger zählen, gemeinsam mit Universitäten und Leuten vor Ort das Potenzial. Andere, die ihre Jobs verloren haben, wollen als Naturguide arbeiten oder fangen an, sich in Strick-Clubs zu treffen: Dort fertigen sie aus ökologisch hergestellter Schafswolle dicke Pullis.

Auf die Jeeps wollen die meisten nicht verzichten, obwohl auch sie längst Gegenstand des Spottes geworden sind. Auf einer isländischen Satire-Website steht diese fiktive Anzeige: „Zu verkaufen! Goldener Range Rover, einen Monat alt, 200 Meter gefahren. Jetzt zu haben – im Austausch gegen Essen!“

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