Der Tagesspiegel : Drogenprävention mit Regieanweisung

Wegen steigender Rauschgiftkriminalität dreht das Landeskriminalamt einen Aufklärungsfilm für Schüler

Nana Heymann

Angermünde - Hugo hat ein Problem, und dieses hat mit einem Mädchen zu tun. Der Teenager ist verliebt in Janine, und alles könnte so schön sein, wenn er sich nicht immer wieder von Freunden zum Feiern und Trinken überreden lassen würde. Daran findet die Auserwählte keinen Gefallen, und eigentlich würde sich Hugo dieser Einstellung gerne anschließen, doch er kann vom Bier einfach nicht lassen: Zu gut fühlt es sich an, wenn der Alkohol in den Kopf steigt. Er lässt die alltäglichen Probleme vergessen. Er lässt das Selbstbewusstsein steigen.

Hugo heißt im wirklichen Leben Arne Grothkopp, ist einer der 15 Darsteller des ersten Drogenpräventionsfilms des brandenburgischen Landeskriminalamtes und kann sich mit den Erfahrungen seiner Rolle durchaus identifizieren. Die Figur des Hugo muss man sich als einen durchschnittlichen Jugendlichen aus der ostdeutschen Provinz vorstellen. Als einen, der die Tristesse des Alltags gelegentlich mit „bewusstseinserweiternden“ Mitteln zu verdrängen versucht.

Gedreht wird der Film zurzeit im Auftrag des brandenburgischen Innenministeriums unter der Regie von Esther Gronenborn mit etwa 300 Statisten im uckermärkischen Angermünde. Das Budget kommt aus dem so genannten Blitzerfonds, den Mehreinnahmen der Radargeschwindigkeitskontrollen des Vorjahres.

Dass das Innenministerium gerade jetzt Mittel für ein neues Drogenpräventionsprojekt bereitstellt, hat einen Grund: 2005 ist in Brandenburg die Rauschgiftkriminalität von 6656 auf 6977 Fällen um 4,8 Prozent gestiegen. Rund 55 Prozent aller Tatverdächtigen waren Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.

Der Film von Esther Gronenborn zeigt einige Tage im Leben einer Clique, die Erfahrungen mit Drogen macht. Er verbindet einen Handlungsstrang mit dokumentarischen Elementen und ist der erste von vier geplanten 45-minütigen Folgen. Diese sollen sich an Kinder und Jugendliche von acht bis 19 Jahren wenden. Der erste Teil, zugeschnitten auf Schüler zwischen 13 und 16 Jahren, ist eine Art Testlauf. Ende März, wenn der Film fertig gestellt ist, wird er als DVD mit 3000 Kopien an Schulen verteilt. Im Beisein von Polizisten und Mitarbeitern eines Drogenpräventionsteams soll er diskutiert werden. Falls er gut ankommt, wird weiter produziert. Nach den bisherigen, weniger guten Erfahrungen mit anderen Präventionsmaßnahmen habe man sich nach dem Vorbild Baden-Württembergs bewusst für das Medium Film entschieden. „Damit können die Jugendlichen besser erreicht werden", sagt Sprecher Toralf Reinhardt.

Hauptdarsteller Arne Grothkopp kann sich in die Rolle des Hugo gut hineinversetzen. „Jeder wollte doch schon einmal jemand anderes sein, in einem anderem Körper stecken. Alkohol kann dabei helfen“, sagt der 16-Jährige mit den dunkelblonden lockigen Haaren und dem kantig-smarten Gesicht. Eine Woche lang steht er nun in Angermünde vor der Kamera und mimt den alkoholaffinen Teenager. Es ist das erste Mal, dass der Schüler schauspielert. In Berlin wurde er auf der Straße angesprochen und für die Rolle gecastet. Bei weiteren Castings in Jugendclubs sprachen im Januar etwa 300 Jugendliche und ein paar Dutzend Polizisten vor.

Dass die Laiendarsteller das Rollenspiel so gut hinbekommen und es ihnen nicht schwer fällt, sich in den Zustand des Alkohol- oder Drogenrausches hineinzuversetzen, verdanken sie Esther Gronenborn. Trotz des eng gesteckten Produktionsplans von knapp zwei Monaten haben sich die Regisseurin und ihre Helfer vor Beginn der Dreharbeiten Zeit genommen und in verschiedenen Einrichtungen recherchiert, in denen drogenabhängige Jugendliche therapiert werden.

Das Ergebnis der Produktion beurteilt Toralf Reinhardt realistisch. „Es wäre eine Illusion zu sagen, dass man mit so einem Film Jugendliche vom Drogenkonsum abhalten könnte.“ Der Film solle jedoch deutlich machen, dass das Einwerfen von Ecstasy-Pillen oder Rauchen von Joints Gefahren birgt. Ähnlich nüchtern sieht Darsteller Arne Grothkopp den möglichen Erfolg. „Letztlich macht jeder seine eigenen Erfahrungen“, sagt er.

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