Der Tagesspiegel : Duell der Artigkeiten

In Cottbus beginnt der Kampf ums Oberbürgermeisteramt – die Kandidaten beschwören das Miteinander

Sandra Dassler

Cottbus - Die Abendluft ist lau, die Gäste der Großbildleinwand vor dem Café „Doppeldeck“ in Cottbus brauchen keine Decken. Sie sitzen vor einer Leinwand, trinken Bier, lachen, applaudieren – wie zur Fußball-WM vor zwei Monaten. Auf dem Bildschirm agieren aber nicht 22, sondern nur zwei Männer: Frank Szymanski (SPD), Infrastrukturminister des Landes Brandenburg, und Holger Kelch (CDU), Chef des Ordnungsamtes und amtierender Bürgermeister von Cottbus.

Sie tragen fast die gleiche Krawatte. Und sie wollen beide am 22. Oktober zum Oberbürgermeister jener Stadt gewählt werden, die manche gern die „Lausitz-Metropole“ nennen, obwohl ganze 900 000 Einwohner fehlen, um sich als „Millionenstadt“ bezeichnen zu können.

Allerdings ist Cottbus gegenwärtig öfter in den Schlagzeilen als manche echte Metropole und das liegt nicht nur am Auftreten des Aufsteigers Energie Cottbus in der Bundesliga. Schon die von allen Parteien unterstützte Abwahl von Oberbürgermeisterin Karin Rätzel (parteilos) im Juli dieses Jahres war eine Überraschung. Als wenig später der CDU-Mann Holger Kelch zum gemeinsamen Kandidaten eines Wahlbündnisses gewählt wurde, dem neben CDU, FDP, Frauenpartei und einer freien Wählerinitiative auch die Linkspartei angehörte, regte das nicht nur Brandenburgs CDU-Chef Jörg Schönbohm auf. Überregionale Zeitungen berichteten über die „an DDR-Zeiten erinnernde Auferstehung der Nationalen Front“. Doch die Cottbuser ließen sich nicht beirren. Die SPD zog angesichts des übermächtigen Kandidaten Kelch – dem Wahlbündnis gehören 38 der 51 Abgeordneten des Stadtparlaments an – ihre ursprüngliche Kandidatin Martina Münch zurück und holte mit Szymanski ein politisches Schwergewicht nach Cottbus.

An diesem Donnerstagabend treten Kelch und Szymanski zum ersten Mal gegeneinander an. „Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen“, sagt die Moderatorin und stellt die Frage: „Was finden Sie an ihrem Gegenkandidaten nett?“ Szymanski zögert keine Sekunde: „Holger Kelch gilt als solider Arbeiter“, sagt er. „Er ist ein guter Beigeordneter und ich werde ihn gern als solchen behalten, wenn ich Oberbürgermeister bin.“

Kelch greift den Ball auf. „Szymanski ist zwar ein Nicht-Arbeiter, aber er kann gut repräsentieren und hat als Infrastrukturminister viel Gutes für Cottbus erreicht. Das soll er auch weiterhin tun – in Potsdam“.

Die Artigkeiten verwundern nicht, weil letztlich beide Kandidaten gleiche Ziele für ihre Tätigkeit als Oberbürgermeister formulieren: Sie möchten das Vertrauen der Cottbuser in die Kommunalpolitik wieder herstellen und das Gegeneinander der politischen Verantwortungsträger in Cottbus in ein Miteinander verwandeln. Und sie wollen die desolate Finanzsituation der Stadt in den Griff bekommen sowie die Abwanderung der Menschen stoppen. Ein junger Mann im Zuschauerraum erregt sich darüber, dass Holger Kelch in einem Interview gesagt habe, Jugendliche, die in Cottbus keine Perspektive sähen, sollten in den Westen gehen und später zurückkehren. Kelch verteidigt sich: Eine Ausbildung im Westen sei allemal besser als Sozialhilfe im Osten. Szymanski verweist darauf, dass in der Lausitz bald ein Fachkräftemangel drohe und alle gemeinsam daran arbeiten müssten, dass die jungen Leute hier blieben.

Die Zuhörer sind geteilter Meinung. „Der Minister redet immer nur schöne Worte, bleibt aber unkonkret“, sagt Andreas Metschke. Der 50-jährige Schlosser ist Mitglied der Linkspartei und findet Kelch gut: „Auch wenn ich totale Probleme mit der CDU im Allgemeinen habe“, sagt er, „kann nur eine gemeinsame Politik die Stadt retten“.

Die OB-Kandidaten haben einen fairen Wahlkampf versprochen – an diesem Abend halten sie sich daran. Kelch wird nur einmal heftig, als er von persönlichen Angriffen spricht: Vor einigen Wochen war über einen angeblich nicht sauberen Immobilienkauf des 39-Jährigen berichtet worden. Er vermutet die SPD dahinter. Szymanski erklärt, er werde „keine dreckige Wäsche waschen“.

Hinterher fanden viele Zuschauer, Szymanski habe gezeigt, dass er sich in den vergangenen Wochen intensiv mit den aktuellen Problemen seiner Heimatstadt Cottbus beschäftigt hat. Noch überraschter waren die meisten allerdings darüber, dass der relativ unbekannte und unerfahrene Kelch rhetorisch gut mit dem Minister mitgehalten habe. „Eigentlich könnte man beide wählen“, sagt eine Zuhörerin, ist aber überzeugt: „Das bleibt nicht so nett. Die gehen noch aufeinander los. Der Wahlkampf hat ja gerade erst begonnen.“

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