E-Learning : Labor im Laptop

Die ersten deutschen Universitäten stellen ihre Vorlesungen online. Der Podcast vom Professor beginnt, die Hochschulen zu verändern: Dozenten verbessern ihren Vortragsstil, Studenten machen Gruppenarbeit vorm Bildschirm.

Tina Rohowski
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Die Uni im Griff. Die Lösung für überfüllte Laborpraktika ist das E-Labor, sagt ein Experte. Da wird mit dem Cursor pipettiert....

Ein wenig über die Kollegen zu lästern, das gehört unter Wissenschaftlern schon fast zum Pflichtteil einer spannenden Vorlesung. Für Jan Borchers, Informatikprofessor an der RWTH Aachen, sind solche Einwürfe mittlerweile tabu. Denn jede seiner Vorlesungen lässt sich hinterher kostenlos und frei zugänglich im Internet abrufen – auf der Plattform „iTunes“, die von US-Universitäten schon seit mehreren Semestern für die Lehre genutzt wird. Seit Januar 2009 bieten auch vier deutsche Hochschulen Vorträge und Imagefilme zum Herunterladen an.

Wissenschaftler der LMU München, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, des HassoPlattner-Instituts in Potsdam sowie der RWTH Aachen erklären nun in Filmen oder Audio-Podcasts, welche Nahttechniken Chirurgen anwenden, wie man Entwürfe für Wohnbauten erstellt oder welche Wahrheitstheorien die Philosophie entwickelt hat.

Podcasts, Videokonferenzen, Lernblätter als Downloads oder ganze Online-Seminare: Mit der sogenannten E-Lehre verbinden Hochschulen die Hoffnung, überfüllte Vorlesungen zu entlasten oder Präsenzveranstaltungen ganz einzusparen. Darüber hinaus bereiten sich die Hochschulen mit mehr E-Learning auf den prognostizierten „Studentenberg“ vor, der auch mithilfe neuer Web-Anwendungen aufgefangen werden soll. Die neuen Angebote verbesserten zudem die Lehre, sagen Befürworter: flexible Lernzeiten, jederzeit abrufbare Seminarunterlagen, mehr Abwechslung und dadurch höhere Motivation bei Studenten und Dozenten.

Jan Borchers' Kurs „Programmierung für alle“ ist derzeit der „Top-Download“ seiner Hochschule. Er rede, seit alles im Netz dokumentiert wird, „nicht mehr so flapsig über bestimmte IT-Systeme oder andere Profs“, sagt der Aachener Informatiker. Außerdem müsse er sich nun mehr Gedanken um Urheberrechte machen, wenn er beispielsweise einen animierten Spielfilm einbaut, um den Informatikstudenten ein paar Anwendungsbeispiele zu zeigen. Insgesamt habe sich die Qualität der Vorträge in den letzten Jahren aber deutlich verbessert.

Seit 2003 erstellen studentische Hilfskräfte Videos von Borchers Vorlesungen. „Am Anfang haben wir nur die Kamera draufgehalten“, erinnert sich der Wissenschaftler. Inzwischen filme man nicht nur den Professor, sondern auch seine Folien und Tafelbilder. Daraus wird ein etwa eineinhalbstündiger Videopodcast geschnitten. „Studenten wollen die Filme natürlich am liebsten sofort im Netz haben, um das nachzubereiten“, sagt Borchers, dessen Kurse meist einige Tage nach dem Vortrag im Internet stehen. An manchen Lehrstühlen der RWTH dauere es wegen der aufwendigen Schneide- und Digitalisierungsarbeiten mehrere Wochen bis zur Veröffentlichung.

Doch möchten Studenten wirklich eher einen Podcast laden als zur Vorlesung zu gehen, selbst wenn diese hoffnungslos überfüllt ist? Jan Borchers hat in den letzten fünf Jahren andere Erfahrungen gemacht: „Es ist nicht leerer geworden im Hörsaal“, sagt er. Die Online-Lehre könne Präsenzkurse auch gar nicht voll ersetzen. Tatsächlich in der Universität zu sitzen sorge schließlich für eine bessere Lernhaltung: „Live ist man ganz anders dabei, als wenn man die Vorlesung als briefmarkengroßen Stream ansieht, während man zu Hause im Bett liegt.“ Außerdem sei es für ihn als Professor schöner, direkt ein Feedback von den Zuhörern zu bekommen.

Eine Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) weckt Zweifel an den Hoffnungen, die Unis könnten durch solche Initiativen mehr leisten: Zunächst binde die Online-Lehre mehr Personal und Geld. Erst wenn sehr viel Präsenzlehre durch E-Learning ersetzt werde, lohne sich der Aufwand. Wenn ein Institut in einem Drittel seiner Kurse immerhin jede zweite Veranstaltung nicht als Präsenzlehre sondern online anbiete, könnten sich knapp zehn Prozent mehr Studenten einschreiben, errechnete das HIS. Bleibt man darunter, ist die Zahl der zusätzlichen Studienplätze verschwindend gering – oder die Institute zahlen sogar drauf und verlieren Ressourcen.

Jan Borchers sieht den Nutzen der Podcasts vor allem in der Nachbereitung oder als Lernhilfe vor Klausuren. Studenten berichteten ihm, dass sie die Filme als Gruppe schauen, zu besonders kniffligen Stellen springen und zwischendurch den Stop-Button drücken, um das Gehörte noch einmal zu diskutieren.

Bislang sind es eher die Studenten als ihre Dozenten, die mehr Online-Lehre fordern. In die Hochschulen dränge derzeit eine Generation, für die soziale Netzwerke und Internetplattformen zum Alltag gehören, hat der Tübinger Bildungspsychologe Friedrich Hasse beobachtet. „Diese Generation würde sich enttäuscht von der Uni abwenden, wenn es dort keine Online-Angebote gäbe.“ Dozenten stünden dem E-Learning allerdings häufig skeptisch gegenüber – auch weil die Angebote sie viel Zeit kosten: „Wenn Studenten zum Beispiel online Fragen stellen, kann man nicht mit Copy und Paste eine Antwort an 50 Seminarteilnehmer schicken.“

Immerhin: Die Nachfrage nach E-Teaching-Kursen nimmt an den Weiterbildungszentren der Unis zu. Vor allem studentische Tutoren sowie der Mittelbau belegten verstärkt Schulungen, sagt Nicolas Apostolopoulos vom Center für digitale Systeme (Cedis) an der Freien Universität Berlin. Professoren seien bislang aber „nicht die großen Nachfrager“, nur unter Neuberufenen gebe es ein größeres Interesse. Die Teilnehmer erhalten am Ende ein Zertifikat, das vor allem für Bewerbungen wichtiger werde.

Ab diesem Sommer biete man an der FU erstmals Web-2.0-Kurse an, in denen Dozenten den Einsatz von Blogs und Wikis üben – Methoden, die immer mehr Dozenten nachfragen, sagt Apostolopoulos. Vorstellbar sei etwa, dass Studenten und Lehrende ihre Geografie-Exkursion als Blogs festhalten. Online-Assessments – kleine Tests, mit denen Studenten ihr Wissen überprüfen – gehören zu den beliebtesten Werkzeugen der Dozenten: Studenten sehen so, welche Stoffgebiete sie bis zur Klausur besser lernen müssen. Dozenten erhalten eine Rückmeldung, wo es bei den meisten Seminarteilnehmern noch Probleme gibt.

Für die Zukunft sieht Apostolopoulos eine wachsende Bedeutung von E-Laboren. „Das Material für Laborversuche ist teuer, und die Laborzeiten sind umkämpft.“ Deshalb kommen immer mehr Programme auf den Markt, mit denen sich digital experimentieren lässt. Versuchsleiter können darin mit dem Cursor eine Pipette bewegen und einige Mikroliter verschiedener Flüssigkeiten in ein Reagenzglas füllen. Es gibt Zentrifugen, Waagen und eine Mikrowelle. Sogar das Wachstum von Bakterienkolonien kann das Programm simulieren. Wenn man im E-Labor einen Fehler macht, zuckt ein Blitz auf dem Bildschirm.

Neben diesen Programmen könnten Unis auch etwas Ähnliches wie StudiVZ anbieten, sagt der Bildungsforscher Friedrich Hesse: ein soziales Netzwerk, in dem jeder Student sein eigenes Profil hat und mit seinen Kommilitonen den Lehrstoff besprechen kann. „Solche Diskussionen finden auf diesen Plattformen schon heute zuhauf statt“, argumentiert Hesse. „Viele kommerzielle Portale adressieren den Bildungsbereich, und die Unis verschlafen das.“

Allerdings liege der Reiz solcher Netzwerke auch darin, dass sie informell sind, so Hesse. Wie würden Studenten reagieren, wenn ihr Dozent sie im StudiVZ anschreibt, um Aufgaben zu verteilen? Oder wenn sie aufgefordert werden, an einem uni-internen Portal teilzunehmen? Würden dann die Debatten verstummen? Eine neue Studie aus Großbritannien ruft zumindest Skepsis gegenüber solchen Plänen hervor: Drei Viertel von mehr als 1000 befragten Studenten nutzte dort zwar soziale Netzwerke; ein Großteil empfand diese Portale aber als „studentische Medien“, in die die Uni nicht eindringen sollte. Wenn ein Dozent dort mit ihnen Kontakt aufnähme, würden sie das als gezwungenen Austausch empfinden.

Die Vorlesungen im Internet:

www.uni-muenchen.de/ueber_die_lmu/lmu_on_itunes_u

http://itunes.uni-freiburg.de/

http://www.rwth-aachen.de/go/id/uau/

http://itunes.hpi.uni-potsdam.de/

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