Der Tagesspiegel : Ecstasy-Pillen für Europa und Amerika

Mutmaßliche Drogendealer stehen in Frankfurt vor Gericht

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Frankfurt (Oder). Die Prozessbeobachter aus den Niederlanden passen ins Klischee von Drogenbossen: Karibik-Sonne im Gesicht, Halskettchen sowie große Jeeps mit verspiegelten Scheiben und wartenden Bodyguards. Die Assoziation stellt sich nicht zufällig ein. Denn geht es nach der Staatsanwaltschaft, sitzen seit gestern vier Drahtzieher der illegalen Herstellung und des Vertriebs von Ecstasy-Pillen auf der Anklagebank des Landgerichts. Die Niederländer im Alter zwischen 35 und 60 Jahren sollen an den bislang größten in Deutschland ausgehobenen Drogenlaboren beteiligt gewesen sein. Diese waren von der Polizei im April 2001 in Hoppegarten am östlichen Stadtrand Berlins sowie im Herbst 2001 in Kevelaer am Niederrhein gestürmt worden.

„Im Falle einer Verurteilung drohen den Angeklagten erhebliche Strafen", sagte Gerichtssprecher Gerhard Berger. Für die bandenmäßige Herstellung und den Handel mit Betäubungsmitteln beginne das Strafmaß bei mindestens fünf Jahren Freiheitsentzug und ende bei 15 Jahren. Bereits im März diesen Jahres waren sechs Personen wegen ihrer Mitwirkung in der Hoppegartener Drogenküche zu Haftstrafen von bis zu sechs Jahren verurteilt worden. Beim Sturm der Baracke am Maxsee hatte die Polizei Zehntausende Ecstasy-Tabletten entdeckt. Wie damals bekannt wurde, gingen die Lieferungen aus Hoppegarten nicht nur nach Deutschland und in die Niederlande, sondern auch nach Amerika. Als das Labor am Berliner Stadtrand aufgeflogen war, soll die Bande mit der Rauschmittelproduktion in einem früheren Armeebunker in Kevelaer begonnen haben, vermutet die Staatsanwaltschaft.

Wenig Aufklärung brachte am gestrigen ersten Verhandlungstag die Befragung eines 60-jährigen Deutsch-Niederländers, dessen Unterschrift auf dem Pachtvertrag für den Bunker steht. „Ich bin verarscht worden", erklärte dieser. Die Räumlichkeiten habe er im Auftrag eines anderen Holländers angemietet. Dieser „Mike" sei inzwischen in Australien untergetaucht. Von einer Drogenherstellung habe er nichts gewusst, erklärte der Angeklagte. Laut Staatsanwaltschaft haben die Beschäftigten dieses Bunkers geschickt an einer Legende gestrickt: Hier werde ein „geheimes Patent" entwickelt, weshalb der Zutritt von Fremden nicht erlaubt sei.

Der Prozess wird am heutigen Donnerstag fortgesetzt, das Urteil wird für den 17. Oktober 2002 erwartet. Claus-Dieter Steyer

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