EDITORIAL : Stadt- statt Landflucht

Gunda Bartels

Wir fahren heut’ wählen“, spricht der Vater zum lustig auf dem Bahnhof Südkreuz herumgaloppierenden Sohn, „in meinen Kreis. Wir sind nämlich Brandenburger, keine Berliner. Gott sei Dank! Brandenburg ist mein Territorium, mein Land!“ Und schon besteigen sie die Regionalbahn und flüchten aus der garstigen Stadt. Zurück bleibt ein Grinsen über und Neid auf diesen ungebrochenen Lokalpatriotismus. Überraschend ist auch die plötzliche Religiosität des als gottlos bekannten Märkers in der territorialen Frage. Immerhin dankt der Mann seinem Schöpfer für die Gnade ländlicher Geburt. Als Städter will er in keinem Fall gelten, obwohl er hier lebt und seine von Stadtluft beschmutzten Brötchen verdient. Das muss der alte Ost-Hass gegen die gehätschelte Hauptstadt der DDR sein, oder das Misstrauen des sittsamen Provinzlers gegen die verlotterte Metropole. Allerdings klingt „mein Kreis, mein Land“ tatsächlich um Längen besser als „mein Kiez, meine Bude“. Und Gott zu danken, Berlinerin und kein kulturell unterversorgtes Landei mehr zu sein, fällt einem viel zu selten ein. Gunda Bartels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben