Edwin Redslob : Fackel der Freiheit

Rerum cognoscere causas: Edwin Redslob gehört zu den Vätern des Tagesspiegels und der Freien Universität – und gestaltete Motto und Wappen.

Uwe Schlicht

Der Kampf um die Köpfe, der Kampf um das richtige Bewusstsein beginnt in den Schulen und Universitäten. In den Zeitungen und im Rundfunk wird er massenwirksam ausgetragen. Nach der Diktatur des Nationalsozialismus standen die Alliierten 1945 vor der Frage, wie Deutschland in den Kreis demokratischer Nationen zurückgeführt werden könne. Für den geistigen Neuanfang brauchte man zuverlässige Demokraten – möglichst mit einer blütenweißen Biografie bis in die Weimarer Republik.

Auf diese Biografien konnten die ersten Lizenzträger des Tagesspiegels verweisen. Erik Reger, ein bekannter Romanautor und Redakteur der „Vossischen Zeitung“, Walther Karsch, Mitarbeiter der linken „Weltbühne“, der Papiergroßhändler Heinrich von Schweinichen und der zuverlässige Republikaner Edwin Redslob, seit 1920 Reichskunstwart und nach 1933 von den Nationalsozialisten aller Ämter enthoben, erhielten gemeinsam am 14. September 1945 die Lizenz als verantwortliche Träger des Tagesspiegels.

Redslob hatte Museen geleitet und wurde mit der Lizenz zum Grenzgänger zwischen Universität und Zeitung. Für den Kunsthistoriker und Goethekenner waren Bildung und Kultur die publizistischen Felder. Damit fiel ihm im Tagesspiegel die Rolle zu, die Auseinandersetzung um die Gründung der Freien Universität publizistisch zu begleiten.

Die Sowjets wussten wie die Amerikaner, dass der Kampf um Demokratie oder Diktatur in Schulen, Universitäten und Zeitungen auszufechten war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte das Gymnasium nicht mehr der Ort der Selbstrekrutierung einer Elite sein, die sich in der Vergangenheit als konservativ und später als anfällig für den Nationalsozialismus erwiesen hatte. Die deutschen Universitäten hatten im Nationalsozialismus keine ruhmreiche Rolle gespielt. An der Friedrich Wilhelms Universität in Berlin, die heute Humboldt-Universität heißt, probte der Nationalsozialistische Studentenbund in den Hörsälen die Machtergreifung und inszenierte nach dem Regierungsantritt Hitlers vor den Toren der Universität im Frühjahr 1933 die Bücherverbrennung zusammen mit Vertretern der schlagenden Verbindungen. Die Studentenopposition der Weißen Rose in München blieb eine absolute Ausnahme.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Fehde um die neue Universität am heftigsten in Berlin ausgefochten. Am Anfang konnte man noch nachvollziehen, dass aktive Nationalsozialisten, Wehrmachtsoffiziere und Funktionäre der Hitlerjugend nicht zum Studium zugelassen werden sollten, weil die künftige Elite des neuen Deutschlands nicht im Geiste des gerade untergegangenen Nationalsozialismus geprägt werden sollte. Die Auseinandersetzungen gewannen aber an Schärfe, als die von den Sowjets eingesetzte Zentralverwaltung für Volksbildung unter dem Altkommunisten Paul Wandel versuchte, bevorzugt Jugendliche aus den Arbeiter- und Bauernschichten zum Studium zuzulassen. Bald führte die Zuteilung der knappen Studienplätze zur Bevorzugung von Anhängern der neuen Machthaber, die sich, ob aus Überzeugung oder Opportunismus, der 1946 gegründeten SED angeschlossen hatten.

Als zum 1. Mai 1946 über dem Gebäude der Berliner Universität die rote Fahne aufgezogen wurde, war das ein Alarmsignal: Die Aktivisten einer erneuten Ideologisierung der Universität zeigten offen ihr Gesicht und der Tagesspiegel nahm mit seiner Kritik kein Blatt vor den Mund. Im Oktober 1946 schrieb der Tagesspiegel in einem Leitartikel: Die Berliner Universität „ist eine Parteiuniversität. Wir streichen sie aus der kulturellen Liste Deutschlands“. Edwin Redslob hatte mit Erik Reger im Tagesspiegel den Part des offenen Anklägers übernommen.

Hatte der Tagesspiegel vor der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED im Jahr 1946 kritischen Sozialdemokraten die Spalten geöffnet, so unterstützte die Zeitung seit 1946 die mutigen Studenten. Die Idee, eine freie Universität in den Westsektoren Berlins zu gründen, hatten zuerst Studenten auf einer Protestversammlung im Hotel Esplanade am Potsdamer Platz formuliert. Für ihren Widerstand mussten Einzelne einen hohen Preis zahlen. Verurteilungen zu Zwangsarbeit oder zum Tode waren die Folge. Die Ankläger machten aus Antifaschisten Faschisten, um ihren Terror zu legitimieren.

Unter den Professoren fanden die wagemutigen Studenten nur geringes Echo. Ohne die Unterstützung angesehner Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik wäre die Idee einer freien Universität in den Westsektoren ohne Wirkung geblieben. Edwin Redslob sammelte die Personen, die ihren Namen für die Unterstützung dieser Idee gaben, und führte sie zu einem Geheimtreffen in einer Villa am Wannsee zusammen. Ernst Reuter als Politiker, Otto Hess als der führende Kopf unter den Studenten und Edwin Redslob überzeugten amerikanische Kulturoffiziere und Generäle von der Notwendigkeit einer Universitätsgründung.

Die Amerikaner hielten sich im Hintergrund, da die neue Universität von Deutschen gegründet werden sollte. Aber sie sicherten ihre Unterstützung zu und bereiteten sich auf die finanzielle Absicherung der Gründung vor. Aus den Gewinnen der amerikanischen Lizenzzeitung „Neue Zeit“ retteten sie 20 Millionen Reichsmark über die Währungsreform, indem sie diese Summe Tagesspiegel-Herausgeber Erik Reger anvertrauten. Nach der Abwertung waren das noch zwei Millionen in neuer Währung. Das entsprach damals einer gewaltigen Summe.

Redslob stellte die Liste der ersten Professoren zusammen, damit die im Blockadewinter am 4. Dezember 1948 eröffnete Freie Universität überhaupt den Lehrbetrieb bestreiten konnte. In einer Zeit, da die westdeutschen Universitäten von der Neugründung in West-Berlin nichts wissen wollten, übernahm der hochangesehne, aber greise Historiker Friedrich Meinecke die Position des Gründungsrektors erst, als er mit Edwin Redslob einen amtierenden Rektor zur Seite gestellt bekam.

Redslob wechselte die Seiten von der Tageszeitung zur Universität. Aber die Zeitung verdankt ihm das Motto „rerum cognoscere causas“, das sich im Kopf des Tagesspiegels als Band um die Erdkugel schlingt. Kann es ein besseres Motto als „Den Ursachen auf den Grund gehen“ geben? Als Rektor der Freien Universität gestaltete Redslob auch das Emblem der FU mit dem fackeltragenden Berliner Bären in der Mitte und den drei Tafeln „Veritas, Justitia, Libertas“. Das hölzerne Wappen mit den wegweisenden Prinzipien Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit ist zwar während der Studentenrevolte durch einen Brand schwer geschädigt worden, aber nach seiner Rekonstruktion ziert es bei feierlichen Anlässen nach wie vor das Auditorium maximum.

Redslobs großer Entwurf hat die Zeiten überdauert.

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