Der Tagesspiegel : Ein abtrünniger SPD-Kronprinz?

MICHAEL MARA

POTSDAM . Matthias Platzeck, Ex-Umweltminister und Potsdamer Oberbürgermeister, hält sich bedeckt: Zunächst, so sagt er, wolle er erst einmal ausführlich mit Ministerpräsident Manfred Stolpe darüber reden. Schon seit einigen Wochen ist der 46-Jährige als Kandidat für den SPD-Bundesvorstand, sogar als einer der Vize-Vorsitzenden, im Gespräch. Parteichef Gerhard Schröder selbst soll den Namen Platzeck ins Spiel gebracht und auch bereits bei Ministerpräsident Manfred Stolpe und anderen Brandenburger SPD-Politikern sondiert haben. Mit Platzeck selbst hat er bisher nicht gesprochen. Möglicherweise, um sich nicht erneut einen Korb zu holen: Bereits im vergangenen Sommer hatte Schröder dem beim Oder-Hochwasser vor zwei Jahren als "Deichgraf" bundesweit Bekanntgewordenen für seine Regierungsmannschaft gewinnen wollen. Doch bekam er von Platzeck einen Korb: Dieser wollte seine vorher gegebene Zusage, Potsdam aus dem Dreck zu ziehen, halten.Diesmal wird sich der Hoffnungsträger - er gilt nach wie vor als Kronprinz von Ministerpräsident Manfred Stolpe und auch als möglicher Nachfolger von SPD-Landeschef Steffen Reiche, der das Amt jetzt schon fast zehn Jahre innehat - seine Entscheidung gut überlegen müssen. Eingeweihte märkische Genossen meinen nämlich, dass er es sich nicht noch einmal leisten könne, Schröder zu verprellen. Außerdem verweisen sie darauf, dass der Aufstieg Platzecks in den Parteivorstand für Brandenburg von Nutzen sein und Platzecks Stellung in der märkischen SPD auch mit Blick auf den irgendwann einsetzenden Kampf um die Stolpe-Nachfolge stärken könne. Platzeck gehört seit einem Jahr bereits dem Landesvorstand an. Doch machen andere keinen Hehl daraus, dass eine eventuelle Kandidatur Platzecks nicht zu Lasten von Stolpe oder Hildebrandt gehen dürfe. Beide märkische SPD-Zugpferde gehören dem Bundesvorstand an: Brandenburg ist damit in dem 40-köpfigen Gremium im Vergleich zu den anderen neuen Ländern gut repräsentiert.Landeschef Steffen Reiche macht denn auch keinen Hehl daraus, dass Stolpe und Hildebrandt als Aushängeschilder der märkischen SPD wieder im Bundesvorstand vertreten sein müßten. Dies sei, davon gehe er aus, auch Meinung des Landesvorstandes. "Sollten wir einen dritten Sessel bekommen, werden wir ihn gern besetzen." In diesem Fall würde er Platzecks Kandidatur begrüßen. Reiche sagt, er werde darüber Ende August mit Schröder sprechen, wenn dieser zum Wahlkampf nach Potsdam komme. Allerdings wird in Parteikreisen bezweifelt, dass sich Brandenburg mit drei Kandidaten im Bundesvorstand durchsetzen könne. Doch wird nicht ausgeschlossen, daß Stolpe möglicherweise nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Er hatte schon vor zwei Jahren durchblicken lassen, keine große Neigung zu vespüren, für den Bundesvorstand zu kandidieren, es dann aber doch getan.Sein Interesse dürfte, seit Schröder den Parteivorsitz übernahm, eher geringer geworden sein. Es ist kein Geheimnis, dass Stolpes Verhältnis zum 1. Mann der SPD nicht das Beste ist. Eingeweihte behaupten sogar, es sei zunehmend gespannt. Erst unlängst erteilte der Kanzler ihm öffentlich einen Rüffel. Insofern könnte Stolpe "die Lösung Platzeck" durchaus genehm sein. Andererseits heißt es in eingeweihten SPD-Kreisen, Stolpe wolle Platzeck nicht zu früh zum "starken Mann" neben sich aufbauen. Zwar habe er diesen insgeheim als Nachfolger auserkoren, doch werde er wahrscheinlich 2004 noch einmal antreten und erst im Laufe der übernächsten Legislatur das Zepter abgeben. Da Platzeck nur im Einvernehmen mit Stolpe in den Bundesvorstand gehen würde, hängt wohl alles von ihm ab. In der Parteizentrale versucht man denn auch, die Sache herunterzukochen. "Es gibt bisher keine Diskussion, ob Platzeck rein soll", wiegelt Landesgeschäftsführer Klaus Ness ab. Der Landesvorstand werde die Kandidaten im Herbst nominieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben