Der Tagesspiegel : Ein Amerikaner in der Uckermark

... oder wie das Gymnasium Steglitz zu seinem eigenen Landschulheim in Altkünkendorf kam

Susanne Vieth-Entus

Altkünkendorf - Der Mauerfall in Berlin ging auch an Alabama/Texas nicht spurlos vorüber. Es gab zum Beispiel Dinnerpartys in jener Zeit, deren Gespräche sich um die Wende in Deutschland drehten. Und besonders spannend wurde es immer dann, wenn deutschstämmige Gäste ihre eigene Teilungsgeschichte erzählten. So wie Wolfgang Erwin Gesch, Oberst der US-Luftwaffe. Auf einer dieser Dinnerpartys erfuhr er, dass es möglich sein sollte, den Hof seines Vaters in der Uckermark zurückzubekommen.

15 Jahre später hat Gesch das erste Mal seit 52 Jahren wieder in seinem Elternhaus übernachtet. Hat sich morgens um 7 Uhr auf den Weg zu den Gräbern seiner Vorfahren gemacht. Er hat sich dabei vorgestellt, wie es war, als seine Eltern 1953 keine andere Möglichkeit mehr sahen als mit der Tochter und dem zweijährigen Sohn Wolfgang den Hof zu verlassen, auf dem die Familie 400 Jahre lang gelebt hatte. „Es war die Zeit der Kollektivierung. Mein Vater wollte nicht Arbeiter auf seinem eigenen Land sein“, erzählt Gesch, während er in seinem Elternhaus sitzt und Familienfotos zeigt.

Draußen im Hof herrscht buntes Treiben: Rund 700 Eltern, Lehrer und Schüler des Gymnasiums Steglitz bevölkern an diesem Sonnabend das Gelände, kaufen Lose für die Tombola ihres Sommerfestes, probieren einige der hundert selbst gemachten Salate und Kuchen, und bewundern ihr Werk: das Landschulheim des Gymnasiums Steglitz.

Man muss noch mal nach Alabama zurückgehen, um diese Geschichte zu verstehen. Auf der besagten Dinnerparty war nämlich auch die deutsche Ehefrau eines Militärangehörigen, die Gesch den Tipp gab, sich an einen Berliner Anwalt zu wenden, um den elterlichen Hof wiederzubekommen. Und dieser Anwalt, Helmut Sieglerschmidt, holte nicht nur den Hof zurück, sondern brachte Gesch auch mit dem Gymnasium Steglitz zusammen, das sich schon lange ein Landschulheim wünschte.

Inzwischen ist viel passiert. Der eigens gegründete Förderverein unter der Regie von Schulleiter Thomas Gey und Sieglerschmidts Frau Ramona hat inzwischen rund 130 000 Euro gesammelt, die in den Aufbau des verfallenen Hofes flossen. Hunderte Helfer aus dem Gymnasium legten Hand an. Jahre lang. Außerdem wurde mit Arbeitskräften aus ABM-Mitteln das Dach gedeckt. Unter ihm sollen schon nächstes Jahr die Schüler schlafen, wenn sie zu Klassenreisen oder Projektwochen hierher kommen. Und gegenüber im Haupthaus soll dann auch ein Hausmeisterehepaar wohnen: Steglitz schafft Arbeitsplätze in Altkünkendorf. Damit das klappt, bemüht sich der Verein um weitere EU- und Landes-Mittel. Zudem winkt eine große Spende vom Angermünder Baumarkt.

Und dann ist da noch Günter Jauch. Er war selbst Schüler des altsprachlichen Gymnasiums, seine Töchter lernen dort, und er scheut weder Geld noch Mühe, das Landschulheim voranzubringen. Viele kaufen nur deshalb Lose für die Tombola, weil Jauch die Ziehung moderiert und weil er die Höhe seiner Spende davon abhängig macht, wie viel die übrigen Eltern spenden. Kurz bevor seine Moderation beginnt, sagt er noch rasch, wie sehr er es bedauert, dass es der Senat profilierten Schulen wie dem Gymnasium Steglitz so schwer mache, ihren Standard zu halten, indem er es ihnen verwehrt, ihre Schüler selbst auszusuchen. Und er fügt hinzu, dass der Senat auch beim Religionsunterricht „in die falsche Richtung marschiert“. Dann läuft er ans Mikrofon, umringt von kleinen Kindern, die unbedingt die Gewinner ziehen möchten für Wörterbücher, Handys und sogar für einen London-Flug.

Wolfgang Geschs Kinder zieht es nicht zurück in die Uckermark. Deshalb hat er die Hofstelle auf Jahrzehnte dem Gymnasium verpachtet. So kommt das Leben zurück dorthin, wo er geboren wurde. Am Ufer des Wolletzer Sees.

Weitere Infos zum Landschulheim und zum Spendenkonto unter www.gymnasiumsteglitz.de

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