Ein Brief an Martin Luther : Dreht sich nicht alles um Zuversicht?

Inmitten des ganzen Reformationstrubels wird auch viel Unfug verbreitet. Nicht wenige Autoren bezeichnen Sie als ersten Wutbürger, andere als Fundamentalisten. Viele meinen, Sie seien durch und durch intolerant gewesen. Erklären Sie sich, Herr Luther!

Johann Hinrich Claussen
Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.
Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.Bild: „Martin Luther“, Lucas Cranach d.Ä. /Lutherstiftung

Sehr geehrter Herr Doktor Luther,

Sie werden es nicht glauben, aber mit großem Aufwand feiern wir gerade in Deutschland den 500. Jahrestag Ihrer Thesen gegen den Ablass und all das, was dann daraus folgte. Das hätten Sie sich bestimmt nicht träumen lassen, dass die Menschheitsgeschichte so lange weitergehen würde und dass Ihre „Reformation“ – ich weiß gar nicht, wie Sie Ihr Projekt selbst genannt haben – darin einen wichtigen Platz einnehmen sollte. Aber darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Inmitten des ganzen Trubels wird auch viel Unfug verbreitet. Und wenn ich ehrlich sein darf, bin ich schon auf der halben Strecke dieses Jubiläumsjahres einigermaßen erschöpft und dringe nicht richtig durch. Da wäre es mir eine große Hilfe, wenn Sie ein paar Dinge mit der Ihnen eigenen Wortmächtigkeit klarstellen könnten.

Es mag an unserer erhitzten und verunsicherten Gegenwart liegen, dass nicht wenige Journalisten und Autoren meinen, Sie als einen der ersten „Wutbürger“ charakterisieren zu müssen. Mit Verlaub, einen gewissen Anlass haben Sie dazu schon geliefert. Natürlich will ich gern in Rechnung stellen, dass Sie ein anderes Temperament hatten als unsereiner. Sie hatten auch eine andere Statur. Zudem muss man berücksichtigen, dass Sie fast Ihr gesamtes Berufsleben hindurch unter unmittelbarer Lebensgefahr gestanden haben und ohne Unterbrechung extreme Konflikte austragen mussten.

Dennoch, mitunter haben Sie es mit der Polemik übertrieben und gerade gegen Ende Ihres Lebens kostbare Grenzen verletzt. Da könnte es doch jetzt für Sie selbst eine schöne Gelegenheit sein, mit dem nötigen Abstand und in aller Ruhe, ganz ohne Schaum vor dem Mund, einige wichtige Punkte zu markieren.

Ihre Treue zur Heiligen Schrift wirkt auf moderne Menschen befremdlich

Besonders ist mir daran gelegen, dass Sie den Gegensatz Ihrer Theologie gegenüber jeder Form von „Fundamentalismus“ erklären. Denn oft habe ich in diesem Jahr lesen müssen, Sie seien der „erste Fundamentalist“ gewesen. Journalisten neigen ja dazu, in ihrer Zeitnot zur nächstbesten und – Hauptsache! – plakativen Floskel zu greifen. Manchmal greifen sie dabei ziemlich daneben. Der Fundamentalismus nämlich ist eine spezifisch moderne Form von Antimodernismus: ein verbohrter und gewaltsamer Protest gegen die rasant fortschreitende Modernisierung unserer Zeit.

Als mittelalterlicher Mensch haben Sie diese aber noch gar nicht vor Augen gehabt, weshalb Sie auch kein Antimodernist sein konnten. Außerdem habe ich bei Ihnen Gedanken gefunden, die heutige Christen gegen die fundamentalistische Versuchung immun machen müssten. Bestimmt könnten Sie das, was ich vermute, deutlicher sagen, als ich es vermag.

Da wäre zunächst Ihre Art, mit der Bibel umzugehen. Ihre unbedingte Treue zur Heiligen Schrift wirkt auf moderne Menschen, das muss ich Ihnen allerdings so sagen, befremdlich. Aber mir scheint, dass Ihr biblischer Konservatismus gar nicht so konservativ ist. Denn die Bibel ist für Sie kein Instrument klerikaler Einschüchterung oder autoritärer Disziplinierung. Im Gegenteil, Sie haben geschrieben: „Die Schrift macht die Gewissen frei und verbietet, sie mit Menschenlehren zu fangen.“ Damit meinen Sie doch, dass die Bibel ihre Leser dazu inspiriert, unberechtigte Autoritätsansprüche und Fehlentwicklungen zu kritisieren. Dann würden Sie einen – wenn man so will – emanzipatorischen Biblizismus vertreten, der der Gewissensfreiheit dient. Es wäre gut, wenn Sie das noch einmal deutlich machen würden. Und fällt Ihnen etwas ein, wie man meine Zeitgenossen, die doch angeblich so an ihrer Freiheit interessiert sind, zu einer intensiveren Bibellektüre anstiften könnte?

Der Glaube selbst muss verletzlich, demütig und gewaltlos sein

Vielleicht können Sie die Bibel interessanter machen, indem Sie zeigen, dass sie gar kein betonhartes Fundament, sondern eher eine lebendige Quelle ist. Auf ihr soll man sich nicht breitbeinig hinstellen, sondern aus ihr mit den eigenen Händen schöpfen. Was Sie von heutigen Fundamentalisten unterscheidet, ist ja, dass Sie die Bibel übersetzt und theologisch gedeutet haben. Interpretation aber ist für Fundamentalisten ein Teufelszeug. Denn diese wollen ihr Buch nur als Waffe im Weltanschauungskrieg benutzen. Deshalb vermeiden sie es, zu deuten und zu diskutieren. Das aber war gerade Ihre große Leidenschaft und Leistung.

Und Sie haben die Bibel so gedeutet, dass sie für Fundamentalisten komplett unbrauchbar wird. Als Kern der Bibel haben Sie eine seltsame Offenbarung ausgemacht: Gott zeigt sich nicht direkt, sondern „in der Gestalt seines Gegenteils“, seine Göttlichkeit erscheint im Kreuz Jesu Christi. So durchkreuzt diese verblüffende Offenbarung alle menschlichen Versuche, sie zu fassen und zu vereinnahmen. Deshalb kann der christliche Glaube nie eindeutig sein. Er ist stets ein „Glaube gegen den Augenschein“, wie Sie geschrieben haben: Er erkennt Gott in einem hingerichteten Wanderprediger, den Allmächtigen im Allerschwächsten.

Gottes Kraft ist für Sie in den Schwachen mächtig und in den Mächtigen schwach. Folglich muss der Glaube selbst verletzlich, demütig und gewaltlos sein. Das ist ein paradoxer Gedanke, der allerdings für unsere heutigen Auseinandersetzungen mit fundamentalistischen Fanatikern, aber auch mit säkularen Religionsverächtern überaus hilfreich wäre. Würden Sie mir dabei helfen, ihn noch verständlicher zu formulieren?

Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.
Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.Bild: „Martin Luther“, Lucas Cranach d.Ä. /Lutherstiftung

Dabei wäre es auch gut, ein verbreitetes Klischee, das über Sie hartnäckig im Umlauf ist, aufzubrechen. Viele meinen nämlich, Sie seien durch und durch intolerant gewesen. Dabei haben Sie doch zum Beispiel dafür geworben, denen gegenüber Geduld zu üben, die Ihre Lehre nicht sofort eins zu eins umsetzen mochten. Konsequenzenmacherei war Ihnen unsympathisch. Den Bilderstürmereien und gewalttätigen Übergriffen radikal-reformatorischer Fanatiker haben Sie sich stets entgegengestellt und vehement dafür geworben, Augenmaß zu wahren, Rücksichten zu nehmen und – wo es irgend möglich ist – Kompromisse zu finden.

In der Kirche könne Leitung nur „durch das Wort, aber nicht durch Gewalt“ geschehen. In der Gesellschaft jedoch – da haben Sie klar und klug unterschieden – müsse Gewalt angewandt werden, um die Menschen vor Gewalttätern – äußeren und inneren – zu schützen. Doch sollte diese legitime Gewalt nie in Glaubensdingen und Gewissensfragen ausgeübt werden, so wie es die Fundamentalisten heute tun. Zudem dürfte das Recht auch nie unbarmherzig exekutiert werden. „Wo man das Gesetz lehrt und treibt ohne Liebe, da ist das Gesetz nichts anderes als eine Plage und ein Verderben“, haben Sie geschrieben und den Gesetzeshütern „Lindigkeit“ empfohlen. Das ist mal ein schönes altes Wort, das wieder in Gebrauch kommen sollte. Da Sie selbst, nun ja, nicht immer als Prophet der Lindigkeit aufgetreten sind, wäre es schön, wenn Sie mir helfen würden, dieses Wort mit neuem Leben zu füllen.

Ängste machen die Menschen unglücklich und wirken zerstörerisch

Das Wichtigste aber zum Schluss. In seinem gerade erschienenen Buch „1517. Weltgeschichte eines Jahres“ hat der Berliner Historiker Heinz Schilling das Erfolgsgeheimnis Ihrer Reformation gelüftet. Entscheidend sei nicht die Kritik am Ablass oder an der Papstkirche insgesamt gewesen, sondern dass Sie den Gläubigen ihre tiefen Ängste genommen und ihre Furcht vor Gott in Zuversicht verwandelt hätten. Das hat mir sehr eingeleuchtet, mich zugleich aber fragen lassen, wie es denn heute gelingen könnte, die großen, aber nicht leicht zu fassenden Ängste der Menschen zu verstehen und ihnen Trost sowie Ermutigung entgegenzusetzen. Denn Ängste machen die Menschen nicht nur unglücklich, sondern wirken oft sehr zerstörerisch. Sie machen das Herz eng, vernebeln den Verstand, schüren Hass auf alles Fremde und treiben nicht wenige den Wutpredigern unserer Tage in die Arme.

Dem würde ich gern etwas entgegensetzen, merke aber selbst, dass es nicht genügt, Ihre Theologie von damals nur zu zitieren. Auch sie muss, wie die Bibel, übersetzt und gedeutet werden. Es wäre wunderbar, wenn Sie mir dabei helfen würden, Ihre Botschaft so in Worte zu fassen, dass sie die Menschen heute erreicht und deren Angst durch Zuversicht ersetzt.

In gespannter Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit kollegialen Grüßen.

Ihr

Johann Hinrich Claussen

Der Autor ist Theologe und seit Februar 2016 Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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