Viele meinen, Sie seien intolerant gewesen

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Ein Brief an Martin Luther : Dreht sich nicht alles um Zuversicht?
Johann Hinrich Claussen
Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.
Luther, gereift. Dieses Porträt malte Lucas Cranach d. Ä. um 1541 herum, etwa fünf Jahre vor dem Tod des Reformators.Bild: „Martin Luther“, Lucas Cranach d.Ä. /Lutherstiftung

Dabei wäre es auch gut, ein verbreitetes Klischee, das über Sie hartnäckig im Umlauf ist, aufzubrechen. Viele meinen nämlich, Sie seien durch und durch intolerant gewesen. Dabei haben Sie doch zum Beispiel dafür geworben, denen gegenüber Geduld zu üben, die Ihre Lehre nicht sofort eins zu eins umsetzen mochten. Konsequenzenmacherei war Ihnen unsympathisch. Den Bilderstürmereien und gewalttätigen Übergriffen radikal-reformatorischer Fanatiker haben Sie sich stets entgegengestellt und vehement dafür geworben, Augenmaß zu wahren, Rücksichten zu nehmen und – wo es irgend möglich ist – Kompromisse zu finden.

In der Kirche könne Leitung nur „durch das Wort, aber nicht durch Gewalt“ geschehen. In der Gesellschaft jedoch – da haben Sie klar und klug unterschieden – müsse Gewalt angewandt werden, um die Menschen vor Gewalttätern – äußeren und inneren – zu schützen. Doch sollte diese legitime Gewalt nie in Glaubensdingen und Gewissensfragen ausgeübt werden, so wie es die Fundamentalisten heute tun. Zudem dürfte das Recht auch nie unbarmherzig exekutiert werden. „Wo man das Gesetz lehrt und treibt ohne Liebe, da ist das Gesetz nichts anderes als eine Plage und ein Verderben“, haben Sie geschrieben und den Gesetzeshütern „Lindigkeit“ empfohlen. Das ist mal ein schönes altes Wort, das wieder in Gebrauch kommen sollte. Da Sie selbst, nun ja, nicht immer als Prophet der Lindigkeit aufgetreten sind, wäre es schön, wenn Sie mir helfen würden, dieses Wort mit neuem Leben zu füllen.

Ängste machen die Menschen unglücklich und wirken zerstörerisch

Das Wichtigste aber zum Schluss. In seinem gerade erschienenen Buch „1517. Weltgeschichte eines Jahres“ hat der Berliner Historiker Heinz Schilling das Erfolgsgeheimnis Ihrer Reformation gelüftet. Entscheidend sei nicht die Kritik am Ablass oder an der Papstkirche insgesamt gewesen, sondern dass Sie den Gläubigen ihre tiefen Ängste genommen und ihre Furcht vor Gott in Zuversicht verwandelt hätten. Das hat mir sehr eingeleuchtet, mich zugleich aber fragen lassen, wie es denn heute gelingen könnte, die großen, aber nicht leicht zu fassenden Ängste der Menschen zu verstehen und ihnen Trost sowie Ermutigung entgegenzusetzen. Denn Ängste machen die Menschen nicht nur unglücklich, sondern wirken oft sehr zerstörerisch. Sie machen das Herz eng, vernebeln den Verstand, schüren Hass auf alles Fremde und treiben nicht wenige den Wutpredigern unserer Tage in die Arme.

Dem würde ich gern etwas entgegensetzen, merke aber selbst, dass es nicht genügt, Ihre Theologie von damals nur zu zitieren. Auch sie muss, wie die Bibel, übersetzt und gedeutet werden. Es wäre wunderbar, wenn Sie mir dabei helfen würden, Ihre Botschaft so in Worte zu fassen, dass sie die Menschen heute erreicht und deren Angst durch Zuversicht ersetzt.

In gespannter Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit kollegialen Grüßen.

Ihr

Johann Hinrich Claussen

Der Autor ist Theologe und seit Februar 2016 Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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