Der Tagesspiegel : Ein Bund fürs Leben

Hochschulen werben um ihre Absolventen – nach amerikanischem Vorbild

Simone Schmollack

Da wird einer Studentin das Diplom auf einem zugigen Flur überreicht, ein letztes Mal die Hand geschüttelt, Erfolg für den Berufsstart gewünscht – und dann ist sie vergessen. Mit dem Abschluss endet für die Studierenden gewöhnlich der Kontakt zur Uni. Weil die Bildungseinrichtung wenig Wert darauf legt, mit ehemaligen Studierenden im Gespräch zu bleiben.

Anders dagegen in den USA. Dort betreiben Universitäten seit über 200 Jahren eine intensive Kontaktpflege zu ihren einstigen Schützlingen, die Bezeichnung „alumni“ gehört zum Sprachgebrauch eines jeden Professors. Die Ehemaligen-Betreuung beginnt früh: mit dem Tag der Immatrikulation. So ist an der Yale University der erste Tag für Studierende ein Familientag. Sie können mit ihren Eltern und Geschwistern anreisen, Sportsäle ausprobieren, Bibliothekssäle in Augenschein nehmen und in der Mensa essen. In der Regel hat nicht nur jede Uni übergeordnete Alumni-Abteilungen installiert, sondern zusätzlich jede einzelne Fakultät.Studierende in Amerika erwarten schon deshalb vorzüglich behandelt zu werden, da Bildung dort viel Geld kostet.

Seit in Deutschland über Studiengebühren debattiert wird, ändert sich hier allmählich der Umgang mit wissenschaftlichem Potenzial, das aus der eigenen Einrichtung kommt. Bereits Mitte der 80er-Jahre starteten einzelne Fakultäten erste Versuche, ihre Absolventen weiterhin mit Infos und Bildungsangeboten zu versorgen. Richtig ernst genommen wird das Thema Alumni allerdings erst seit Ende der 90er-Jahre. Inzwischen verfügt fast jede Uni über ein gesamtuniversitäres Alumni-Programm. Manche pflegen es ernsthaft, anderen dient es als Alibi.

Der Weg zu einer gut funktionierenden Ehemaligen-Arbeit sei steinig, sagt Rudolf-Werner Dreier, Leiter der Alumni-Abteilung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 1991 unternahm er noch als Pressesprecher der Uni eine Reise durch die USA mit dem Ziel, so viel Alumni-Wissen wie möglich zu sammeln. Zurück in Baden-Württemberg, hat er zunächst damit begonnen, eine Ehemaligen-Datei aufzubauen. „Damals hatten wir keine einzige Adresse und haben nach dem Schneeballprinzip gearbeitet: Jeder Professor sollte uns mindestens 15 Namen von Abgängern nennen“, sagt Dreier. Die wurden angeschrieben und um weitere Kontakte gebeten. Inzwischen zählt die Kartei 50 200 Ehemalige und die Alumni-Arbeit wird von zwei angestellten Mitarbeitern gemacht.

Zu den Albert-Ludwigs-Alumni gehören nicht nur diejenigen, die ihr Studium abgeschlossen haben, sondern auch jene, die nur vorübergehend die Uni besuchten. Auf diese Weise zählt beispielsweise Wim Wenders zu den Alumni, den es nach nur zwei Semestern Medizin zum Film zog. Doch gerade die prominenten Alumni sind es, mit denen eine Uni werben kann. Für Freiburg stehen unter anderem der grüne Politiker Rezzo Schlauch und Showmaster Alfred Biolek.

Oft knüpfen deutsche Hochschulen an ihre Alumni-Arbeit die Hoffnung, auf diese Weise zügig zusätzliche Mittel zu akquirieren. So wie in den USA, wo über eingeworbene Gelder ein Großteil des Lehrbetriebs finanziert wird. Dies jedoch auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, sei grundsätzlich falsch, sagt Rudolf-Werner Dreier. Selbst nach etwa sechs Jahren intensiver Alumni-Betreuung könne hierzulande höchstens Fanraising, aber niemals Fundraising „erlaubt“ sein. „Fundraising schreckt die Leute ab“, sagt Dreier. Während durch Fundraising regelmäßig Spenden ohne genaue Zweckangabe eingeworben werden, finanzieren Fanraising-Mittel einmalig konkrete Projekte. Auf diese Weise haben Ehemalige in Freiburg einen Lehrpavillon im Schwarzwald ausgebaut, an der Technischen Universität Berlin (TU) wurde vor einem Jahr mit 75 000 Euro Alumni ein Hörsaal saniert. Nicht zweckgebundene Spenden von Ehemaligen verbuche das Konto der TU nur höchst selten, etwa jetzt zu Weihnachten in Höhe von 100 bis 150 Euro, sagt TU-Pressesprecherin Kristina Zerges.

Um die finanziellen Gewinne gehe es auch nur sekundär, so Zerges. Wichtiger sei ein gegenseitiges Geben und Nehmen. So bietet die TU regelmäßig Existenzgründerseminare an, bei denen vor allem Alumni ihr Wissen „verschenken“. Eine von ihnen ist die Architektin Britt Eckelmann, die vor fünf Jahren ihren Abschluss gemacht und seitdem selbstständig ist. All das, was sie selbst gern während ihres Studiums gelernt hätte, aber nicht vermittelt bekam, biete sie den Studenten jetzt, sagt Eckelmann. Die ökonomische Seite des Architektenberufs spielte in ihrem Studium keine Rolle, ist aber überlebenswichtig. Jetzt gibt die 32-jährige Inhaberin eines Vier-Personen-Büros in Berlin-Mitte Seminare in Buchhaltung, Teamführung und Marketingstrategie. Als Gegenleistung kann Britt Eckelmann nicht nur kostenfrei an TU-Vorlesungen teilnehmen, sondern auch Angebote des Hochschulsports zu günstigen Tarifen nutzen.

Andere Unis bieten ihren Alumni – neben regelmäßigen Treffen zum „Networking“ – etwa Ferienhäuser an. Nach Freiburg zieht es die Ehemaligen nicht nur aus Verbundenheit zur Uni, sondern auch, weil die Stadt selbst ihnen spezielle Angebote macht. An einem Alumni-Weekend bieten Hotels Rabatte. Das „Freiburger Modell“ gilt als Vorbild professioneller Alumni-Arbeit. „Wir schließen einen Bund fürs Leben“, sagt Rudolf Dreier. „Und da wir katholisch sind, gibt es bei uns keine Scheidungen.“

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