Der Tagesspiegel : Ein einfacher Effekt

Ursula von der Leyen war am Mittwoch ganz euphorisch: „Wir sind gerade Zeuge einer leisen Revolution“, sagte die Bundesfamilienministerin und meinte die neuesten Zahlen zum Elterngeld. Demnach lag der Anteil der Väter, die im ersten Quartal 2008 Elterngeld bewilligt bekamen, bei 18,5 Prozent. Somit würde sich fast jeder fünfte Vater dafür entscheiden, einige Zeit aus dem Beruf auszusteigen und Vätermonate zu nehmen. Damit habe sich in nur 15 Monaten die Zahl der Väter mit Auszeit fürs Kind verfünffacht, vermeldete von der Leyen stolz und sah ihre Familienpolitik damit bestätigt.

Genau betrachtet aber sind die Zahlen nicht ganz so toll, wie die Ministerin suggerierte. Die Sozialwissenschaftlerinnen Christine Wimbauer und Annette Henninger vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) verweisen darauf, dass die neuen Quartalszahlen sich nur auf 2007 geborene Kinder beziehen und die 2008 Geborenen nicht einbezogen sind. Da aber erfahrungsgemäß viele Väter ihre Auszeit ans Ende der Elternzeitphase von maximal 14 Monaten legen, ist der starke Anstieg zwischen Januar und März sozusagen programmiert gewesen. Kein Durchbruch also zum Ziel von der Leyens, das bei 27 Prozent liegt. Für den Gesamtzeitraum von Januar 2007 bis März 2008 liegt der Anteil von Vätern mit Auszeit bei 12,1 Prozent.

Dass Väter nun häufiger in die Kinderbetreuung einstiegen, sei aber ein Erfolg des Elterngelds, sagt Wimbauer. Zu den positiven Effekten gehöre, dass mit der höheren Leistung des Elterngelds die Kindererziehung aufgewertet werde und durch die Partnermonate ein höherer Anreiz für Männer bestehe, eine Auszeit zu nehmen. Die Schwachpunkte des Elterngelds sollte man laut Wimbauer und Henninger aber nicht unter die Decke kehren. Da die Leistung sich nach dem Einkommen bemesse, würde Kindern ein unterschiedlicher Wert zugemessen. Kinder Wohlhabender seien dem Staat mehr wert als Kinder von Geringverdienern. Und im Vergleich zur doppelt so langen Bezugsdauer des früheren Erziehungsgeldes seien sozial Schwache heute schlechter dran als früher. Zudem beschränkten sich zwei Drittel der Väter auf die Mindestzeit von zwei Monaten. „Hier hat die Ministerin noch einiges zu tun“, meint Wimbauer. Insgesamt sei es auch nachteilig, dass die Zahl der Betreuungseinrichtungen für Kinder zu gering sei und sich erst 2013 eine Entspannung abzeichne.

Die WZB-Wissenschaftlerinnen sehen auch von der Leyens Meinung mit Skepsis, ihre Familienpolitik führe zu mehr Geburten. Es sei fraglich, ob sich die Entscheidung für Kinder allein durch finanzielle Anreize beeinflussen lasse. Offenkundig sei jedoch, dass das Elterngeld vor allem für Frauen mit höherem Einkommen attraktiv sei. Abzuzeichnen scheint sich, dass nicht zuletzt gut verdienende Paare im Akademikermilieu von der Einführung des Elterngeldes profitieren. Zu dieser Vermutung passt, dass gerade in Universitätsstädten wie Freiburg, Heidelberg, Würzburg oder Regensburg – und im Osten auch Potsdam und Jena – der Väteranteil sehr hoch ist.

Das sonst als konservativ verschriene Bayern liegt unter den Flächenländern klar vorn bei den Vätermonaten. Bei 12,7 Prozent lag dort der Väteranteil im Jahr 2007 (kaum weniger als der Gesamtspitzenreiter Berlin mit 13,3 Prozent), und auch im ersten Quartal lag der Freistaat mit 23,1 Prozent weit vorn. Auch hier dürfte eine Rolle spielen, dass Bayern eine wohlhabende Region ist. Dass der Osten auf der Überholspur sei, gehört dagegen zu den statistischen Schummeleien von der Leyens. Denn zwar war Mecklenburg-Vorpommern im ersten Quartal Spitzenreiter bei den Väteranträgen, lag aber im Gesamtjahr 2007 wie Sachsen-Anhalt und Sachsen deutlich unterm Schnitt. Brandenburg und Thüringen lagen darüber, ebenso Baden-Württemberg. Schlusslicht war das Saarland mit 6,3 Prozent.

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