Der Tagesspiegel : Ein ganzer Ort hilft Opfer rechter Gewalt

Suzan Gülfirat/Thorsten Metzner

Ortrand - Damit hatte Mehmet Kilic (27) nicht gerechnet, als er nach dem Brandanschlag auf seinen Imbiss in der Kleinstadt Ortrand an der südlichen Landesgrenze Brandenburgs Ende Juni vor den Trümmern seiner Existenz stand. „Zehn bis 15 Jugendliche kamen zu mir, einfach so, und haben mir geholfen“, sagte er gestern. Nicht nur das: Der Ort mit 2600 Einwohnern richtete sofort ein Spendenkonto ein, vermittelte Verhandlungen mit einer Bank und stellte Hilfsgelder zur Verfügung. Firmen und Einwohner unterstützten Kilic zudem bei der Instandsetzung des zerstörten Imbisses. Für das Engagement ist die Stadt Ortrand am Sonnabend von der Türkischen Gemeinde in Deutschland mit einer Urkunde geehrt worden.

Das „vorbildliche Verhalten“ zeige, dass im Osten Deutschlands nicht nur rassistische Übergriffe verübt, sondern auch Solidarität mit den Opfern geleistet werde, teilte die Türkische Gemeinde in Berlin mit. „Solche positiven Beispiele machen uns Mut für das friedliche und solidarische Zusammenleben.“ Der Kleinunternehmer bekam einen Ersatzwagen von Bürgermeister Ingo Senftleben (CDU).

Politiker von SPD, PDS und Union haben der Stadt Ortrand und ihrem Bürgermeister, der auch Landtagsabgeordneter ist, Respekt für deren Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit gezollt. Das Engagement sei vorbildlich, sagte etwa SPD-Generalsekretär Klaus Ness. Es sei viel zu oft vorgekommen, dass Lokalpolitiker rechtsextremistische Anschläge heruntergespielt hätten, ihre Orte stigmatisiert sahen. „Es ist ein Zeichen dafür, dass sich in der Kommunalpolitik das Klima ändert.“ Auch Linkspartei-Landeschef Thomas Nord lobte das Engagement. Es zeige, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement über Parteigrenzen hinweg gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sei. Und der Chef der CDU-Landtagsfraktion Thomas Lunacek hob hervor: „Es ist mehr passiert, als Gesicht zu zeigen. Es wurde konkret angepackt.“

In Brandenburg gab es immer wieder Brandanschläge auf ausländische Restaurants, Geschäfte und Imbisse – mehr als 70 Mal seit 1990, schätzt der Verein „Opferperspektive“. Zu den spektakulärsten Fällen gehörten Taten der rechtsextremistischen Kameradschaft „Freikorps“, deren zwölf Mitglieder 2005 wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung verurteilt wurden. Sie hatten von August 2003 bis Mai 2004 in Nauen, Brieselang, Falkensee und Schönwalde vietnamesische und türkische Imbisse und Restaurants sowie ein vietnamesisches Textilgeschäft angezündet. Auch in Rheinsberg häuften sich solche Übergriffe.

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