Der Tagesspiegel : Ein Geschenk für den Kanzler

Einst war Neuhardenberg eine königliche Gabe, jetzt tagt hier das Bundeskabinett

Claus-Dieter Steyer

Neuhardenberg. Das Hotel wird von Absperrgitter und dunklen Limousinen umzingelt. Vor dem Eingang des Schlosses herrscht emsige Betriebsamkeit. Polizisten bewachen die Zufahrtsstraßen, Polizisten sitzen auf den Dächern. Eine gespannte Ruhe liegt über dem 70 Kilometer nordöstlich Berlins gelegenen Neuhardenberg: Man erwartet Besuch. Seit gestern Abend bis zum Sonntag befindet sich der 3000-Einwohner-Ort im Ausnahmezustand. Im frisch renovierten Schloss wollen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Kabinettsmitglieder in aller Ruhe über ein Vorziehen der Steuerreform auf 2004 beraten.

Das dürfte wohl auch klappen, denn die Einwohner kümmern sich nicht besonders um die prominenten Gäste – keine Überraschung im politikverdrossenen Brandenburg. Gänzlich unbemerkt ist der Besuch aber natürlich nicht geblieben. „Vielleicht kommt ja Herr Schröder doch in unsere schöne Kirche“, meint eine Angestellte der nur ein paar Schritte vom Schloss entfernten Kirche. Die Frau steht am Altar und putzt extra die Glashülle, die das konservierte Herz des preußischen Staatskanzlers Karl-August von Hardenberg beschützt, der 1814 das Dorf vom König für seine Verdienste geschenkt bekommen hatte. „Aber vielleicht ist alle Mühe auch vergebens.“

Mit ihrer Skepsis war die Frau gestern nicht allein. „Der Kanzler wird wohl kaum einen Schritt aus dem Schloss wagen und sich für unsere Probleme interessieren“, sagt die Verkäuferin im Drogeriemarkt und winkt ab. Eine Kundin stimmt gleich mit ein: „Das wird so wie bei den Sparkassenleuten ablaufen – Vorfahrt mit großen Autos, geschlossene Türen und im Handumdrehen sind sie schon wieder verschwunden.“ Seit 1997 gehört das Anwesen dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Er kaufte es von den Nachfahren des letzten Schlosseigentümers Carl-Hans Graf von Hardenberg, die Schloss und Park nach der Wende zurückerhalten hatten. Von Hardenberg gehörte zu den Verschwörern des 20. Juli 1944, wurde aber dennoch nach Kriegsende enteignet. Die Sparkassen-Gruppe renovierte nicht nur das Schloss. Sie ließ auch mehrere vor dem Schloss gebaute Plattenbauten abreißen, um die freie Sicht zu gewährleisten. Die Mieter erhielten andere Wohnungen. An der Stelle der alten Blöcke steht jetzt ein flaches Hotel, in dem Schröder & Co. übernachten.

Schräg gegenüber vom Schloss kreuzen sich die Karl-Marx-Allee und der Schinkelplatz. Ein älterer Mann scheint nur auf die neugierigen Fragen der Vorhut des Bundeskanzlers zu warten. „Tja, von ’45 bis ’90 hießen wir Marxwalde, obwohl der Mann nie bei uns war“, erzählt er. „1956 waren wir sogar Sozialistisches Musterdorf, dann kam der Flugplatz mit viel Armee, aber nichts mehr mit feinen Herrschaften.“ So wie dieser Mann schaut auch Katrin Suhr von der örtlichen Touristen-Information dem Treiben vor dem Schloss abwartend zu. „Wir müssen uns sowieso mit den Beschlüssen abfinden“, sagt sie, während sie einer Reisegruppe aus Mannheim den Zweck der vielen Absperrgitter erklärt. „Aber vielleicht wird Neuhardenberg endlich bekannter.“

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