Ein Jahr Libanonkrieg : "Es wird niemand zur Rechenschaft gezogen"

Vor einem Jahr begann der Libanonkrieg, bei dem mehr als 1300 Menschen starben und weite Teile des Landes verwüstet wurden. Ausgerechnet am Jahrestag startete die libanesische Armee einen Angriff auf islamistische Kämpfer.

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Flüchtlingslager Nahr al-Bared: Seit Mai 2007 liefern sich Islamisten und libanesische Armee hier Gefechte. -Foto: AFP

Beirut/London/WashingtonEin Jahr nach dem Libanonkrieg, bei dem mehr als 1200 Libanesen und mehr als 160 Israelis ums Leben kamen, hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) die Straflosigkeit der Verantwortlichen beklagt. "In diesem Krieg haben beide Konfliktparteien das Kriegsrecht verletzt, aber ein ganzes Jahr später ist noch niemand zur Rechenschaft gezogen worden", heißt es in einer Erklärung der Organisation. Weder Israel noch der Libanon hätten die im Krieg begangenen Verbrechen aufgeklärt. Der 34-tägige Krieg begann nach der Entführung zweier israelischer Soldaten am 12. Juli 2006.

Auf beiden Seiten gebe es keine Untersuchungen, also müsse "die internationale Gemeinschaft einschreiten", fordert die Nahost-Direktorin von HWR, Sarah Leah Whitson. Die Organisation beklagte, Israel habe damals Streumunition eingesetzt, die vom Süden Libanons aus operierende Hisbollah-Miliz Raketen auf Ziele im Norden Israels abgefeuert. Beides seien Waffen, die "unterschiedslos töten". Wer solche Taten begehe oder anordne, begehe Kriegsverbrechen. Unter den 163 Israelis, die bei dem Krieg ums Leben kamen, waren 119 Soldaten und 44 Zivilisten.

Amnesty International: Uno soll Kriegsverbrechen aufklären

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) hat die UN aufgerufen, mutmaßliche Kriegsverbrechen Israels und der radikal-islamischen Hisbollah während des Krieges im Libanon zu untersuchen. "Das totale Fehlen des politischen Willens, jene zur Rechenschaft zu ziehen, die für die wahllose Tötung von Zivilisten verantwortlich sind, ... ist sowohl ein schwerer Verrat an den Opfern als auch ein Muster für weiteres Blutvergießen von Zivilisten ohne Strafe", erklärte Malcolm Smart, AI-Direktor für den Nahen Osten.

Die israelische Armee habe im Süden des Libanons Wohngebiete bombardiert, beklagte Amnesty International. Zudem seien noch nach der Vereinbarung eines Waffenstillstandes bis zu dessen Inkrafttreten 72 Stunden später unzählige Menschen durch israelische Streubomben getötet worden. Die Hisbollah habe während des Krieges nahezu 4000 Raketen auf israelische Städte abgefeuert. Die Organisation rief den UN-Sicherheitsrat auf, ein Waffenembargo gegen Israel und die Hisbollah zu verhängen.

Libanesische Armee: "Entscheidungsschlacht" gegen islamistische Kämpfer

Ausgerechnet am Jahrestag des Beginns des Libanonkriegs hat die libanesische Armee eine große Offensive gegen die islamistischen Kämpfer in dem palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared begonnen. Ein Armeesprecher sprach von einer "Entscheidungsschlacht". Nach Angaben örtlicher Krankenhäuser wurden mindestens zwei Soldaten getötet.

Die Truppen griffen das Lager nach Angaben von Augenzeugen von mehreren Seiten gleichzeitig an. Panzer rückten auf die nördliche Zufahrt zu. Dutzende Granaten gingen im Minutentakt auf das Lager nieder, hieß es. Am Vortag hatten Dutzende von Palästinensern das Lager im Norden des Libanons verlassen.

Am Vorabend des ersten Jahrestages des Beginns des Krieges zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz hatte Ministerpräsident Fuad Siniora seine politischen Gegner zu Dialog und Versöhnung aufgerufen. Siniora hatte am Mittwoch zudem die Armee aufgerufen, die "Verbrecherbande" Fatah al-Islam zu stoppen. Bei den Kämpfen um Nahr al-Bared sind bisher mindestens 174 Menschen getötet worden, darunter 86 Soldaten. (mit AFP/dpa)