Der Tagesspiegel : Ein Kind verschwand – und keiner wurde stutzig

Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen die Eltern von Dennis B., dessen Leiche zweieinhalb Jahre lang in der Tiefkühltruhe lag

Sandra Dassler

Cottbus - Am 21. Juni des vergangenen Jahres öffneten Polizisten in der Wohnung der Cottbuser Familie B. eine Tiefkühltruhe. Darin fanden sie die stark verweste Leiche eines kleinen Jungen. „Wie ein Vögelchen sah er aus“, gab ein erschütterter Kriminalbeamter später zu Protokoll. Dennis B. wurde nur sechs Jahre alt. Er starb nach Angaben seiner Mutter kurz vor Weihnachten 2001. Ab dem kommenden Donnerstag müssen sich nun die Eltern von Dennis, Angelika und Falk B., vor dem Cottbuser Landgericht wegen Totschlags und Misshandlung Schutzbefohlener verantworten.

Denn die Staatsanwaltschaft Cottbus ist überzeugt, dass seine Eltern Dennis so misshandelten und vernachlässigten, dass er schließlich an Auszehrung starb. Um dies zu vertuschen, so die Anklageschrift, habe die Mutter die Leiche des Jungen zweieinhalb Jahre lang in der Tiefkühltruhe versteckt. Weil Angelika B. in dieser Zeit gegenüber Schulen und Jugendämtern behauptete, dass Dennis sich in einem Berliner Krankenhaus befände, und weiter Kindergeld für ihn bekam, ist die 44-Jährige auch wegen Betruges angeklagt.

Selbst ihr Ehemann will geglaubt haben, dass Dennis im Krankenhaus war. Warum er nie darauf bestand, sein Kind dort zu besuchen, wird nur eine der vielen Fragen sein, die das Gericht ab der kommenden Woche zu klären versuchen muss. Der Fall hatte deutschlandweit Entsetzen ausgelöst – auch, weil keine Behörde das Verschwinden des Kindes bemerkte. Obwohl Mitarbeiter des Cottbuser Jugendamtes die Familie ständig betreuten und sich sogar regelmäßig in der Wohnung aufhielten, wurden sie nicht stutzig über die permanente Abwesenheit des Kindes. Auch die Leiterin der Grundschule, in die Dennis eingeschult werden sollte, glaubte der Mutter. Schließlich gingen die Geschwister des Jungen in die gleiche Einrichtung und Angelika B. hatte immer neue Ausreden für die Abwesenheit ihres Sohnes parat: Erst war er im Krankenhaus, dann angeblich auf einer Förderschule. Dass sich die Schulbehörden mit den Erklärungen zufrieden gaben, veranlasste die brandenburgischen Politiker, das Schulgesetz des Landes zu verschärfen und mehrere disziplinarrechtliche Untersuchungen durchzuführen.

Staatsanwalt Tobias Pinder bescheinigt Angelika B. ein gehöriges Maß an krimineller Energie: Die Frau habe über lange Zeit ein nahezu widerspruchsfreies Lügengebilde aufrechterhalten und Verwandte, Nachbarn, Freunde und Behörden systematisch getäuscht. Trotzdem bleibt die Frage, warum das Verschwinden eines kleinen Jungen so lange unbemerkt blieb beziehungsweise niemanden interessierte. Letztlich haben diese Tatsache sowie das makabre Versteck der Leiche den „Fall Dennis“ so spektakulär gemacht. Für den Prozess sind zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt, 30 Zeugen sollen gehört werden, das Urteil ist für den 11. Januar 2006 vorgesehen. Den Eltern von Dennis, die sich auf freiem Fuß befinden, droht bei einer Verurteilung wegen Totschlags eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren.

Ob ihnen die Straftaten aber im Einzelnen nachgewiesen werden können, ist keineswegs sicher. Schließlich war die Leiche des kleinen Jungen in so einem schlechten Zustand, dass die Gutachter kaum noch Spuren der Misshandlungen gefunden haben dürften. Außerdem muss man den Eltern nachweisen, dass sie den lebensbedrohlichen Zustand des Jungen, der am Ende nur noch zehn Kilo wog und vermutlich an allgemeiner Schwäche starb, hätten erkennen müssen. Der Cottbuser Verteidiger Hans J. Kelleners hat angekündigt, dass seine Mandantin vor Gericht aussagen wird.

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