Der Tagesspiegel : Ein Märchen der Romantik

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Von Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Vornehme Damen spazieren mit Hut und Sonnenschirm über den Innenhof. Nebenan exerzieren lautstark des Königs Lange Kerls, während füllige Bierbrauer zusammen mit einigen Mägden Gläser mit einem braunen Gebräu hin- und hertragen. Wären nicht die neuzeitlichen Handwerker und Gärtner, könnten sich die Besucher leicht in längst vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen. Aber die Arbeiter räumen bis morgen das Feld. Denn dann wird das Krongut Bornstedt als neues Ausflugsziel in der Nachbarschaft von Park Sanssouci eröffnet.

Kunst, Handwerk, Kultur und gutes Essen, lauten die Schlagworte. Tradition gehört wohl angesichts der in alte Kostüme gesteckten Akteure unbedingt dazu. Um 12 Uhr werden Ministerpräsident Stolpe und dessen Gefolge erwartet, zwei Stunden später steigt das Eröffnungsfest unter dem Motto „Ein Märchen der Romantik“ für jedermann. „Fröhliche Menschen können natürlich schon früher kommen“, versichert Friedhelm Schatz, Geschäftsführer der Krongut-Gesellschaft. „Wir sperren nichts ab, jeder ist zum offiziellen Termin willkommen."

Rund 12,5 Millionen Euro sind in den vergangenen drei Jahren in die Restaurierung des einstigen Mustergutes von Kronprinz Friedrich Wilhelm und seiner englischen Gemahlin Victoria investiert worden. Unter ihrer Leitung wurde das einst als „italienisches Dörfchen“ gebaute Ensemble ab 1867 zu einer Testanlage im besten Sinne. Die seinerzeit modernsten englischen Produktionsverfahren in der Landwirtschaft erhielten hier ihre preußische Taufe. Bald siedelten sich Glasmacher, Weber, Tuchmacher, Töpfer und andere Handwerker an. Ihre Kunst zeigen sie ab Sonnabend wieder an alter Stelle.

Mit etwa drei Millionen Euro aus dem Topf „Tourismusförderung“ beteiligte sich das Land Brandenburg an der Renovierung der zahlreichen Gebäude. Bis Mitte der neunziger Jahre gehörte das Krongut Bornstedt zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Doch der Zustand nach jahrelanger Vernachlässigung war miserabel. Die Treuhandgesellschaft übernahm die Verwaltung und verkaufte das Gelände schließlich an eine Berliner Kommanditgesellschaft.

„Wir wollen kein märkischer Fresstempel sein“, formulierte Geschäftsführer Schatz gestern etwas drastisch. Statt dessen wünsche er sich eine „Bühne für preußisch-brandenburgische Geschichte". Feiern aller Art sind künftig möglich: von der Hochzeit bis zum Bankett für mehrere hundert Gäste. Der Bundespräsident veranstaltet hier ebenso sein diesjähriges Sommerfest wie der Brandenburger Regierungschef. Das ehemalige Wasch-, Back- und Schlachthaus bietet Platz für Tagungen. Direkt am Ufer des Bornstedter Sees öffnet die Weinscheune mit 140 Plätzen ihre Pforten. Auch ein eigenes Bier wird gebraut. Beim „Bornstedter Rüffel“ handelt es sich um ein „vollmundiges, malzaromatisches Braunbier, das naturbelassen ausgeschenkt wird“, erklärt Braumeister Christian König. Für die Speisekarten zeichnet Ronny Pietzner, immerhin Mitglied der Köche-Nationalmannschaft, verantwortlich. Von der einfachen Bratwurst bis zum 20-Gänge-Menü reicht das Angebot.

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