Der Tagesspiegel : Ein Motor für Ludwigsfelde

Er hat die Champions League gewonnen und ist zweimal Deutscher Meister geworden. Jetzt spielt der frühere Nationalspieler Jörg Heinrich beim Viertligisten vor den Toren Berlins

Sandra Dassler

Ludwigsfelde - Immer wieder müssen sie beim Ludwigsfelder Fußballclub das Trikot mit der Nummer 10 nachbestellen. Dabei sind die Jerseys eines Viertligisten normalerweise nicht besonders gefragt. Normalerweise hat ein Viertligist aber auch keinen Spieler im Aufgebot, der 37 Mal in der Nationalelf kickte und sich im Dortmunder Westfalenstadion genauso heimisch fühlte wie im Stadio Artemio Franchi in Florenz. Und möglicherweise wäre so einer dann zu abgehoben, um sein Trikot zu verschenken.

Jörg Heinrich aber – das sagen alle, die ihn kennen – Jörg Heinrich ist der nette Junge geblieben, der er schon vor 20 Jahren war, als er noch bei Optik Rathenow in seiner Heimatstadt spielte. „Fast zu nett manchmal“, meint sein Ludwigsfelder Trainer Volker Löbenberg. „Alle 14 Tage, bei jedem Auswärtsspiel, bettelt ein Fan um Heinrichs Trikot, und der Jörg kriegt es einfach nicht fertig, Nein zu sagen.“

Natürlich ist die Kritik nicht ernst gemeint. In Wahrheit sind sie in Ludwigsfelde mächtig stolz darauf, dass der Ex-Profi ihre Mannschaft verstärkt. „Wir haben uns erst nicht getraut zu fragen“, erzählt Manager Jürgen Parpat. Heinrich habe nur mittrainieren wollen, sich dann aber entschlossen, die gerade in die Oberliga Nord-Nordost aufgestiegene Elf als Spieler zu verstärken.

Manager Parpat hat Jörg Heinrich einst in Rathenow trainiert. Danach haben sich die beiden nie aus den Augen verloren – auch wenn der eine nach der Wende bei Ludwigsfelde landete und der andere – nach Velten und Emden – 1994 mit Freiburg endlich in der ersten Bundesliga.

Dabei schien die Karriere des heute 35-jährigen Heinrich schon 1985 beendet. Da schickten ihn die Fußballfunktionäre der Kinder- und Jugendsportschule Frankfurt (Oder) wieder nach Hause. „Ein anderer war zwar nicht besser, aber einen Kopf größer als ich“, erzählt er. Was aus dem anderen wurde, weiß er nicht. Jörg Heinrich aber wurde mit Borussia Dortmund 1996 und 2002 Deutscher Meister, gewann 1997 die Champions League und den Weltpokal. Er nahm an der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich teil, spielte in Florenz, wieder in Dortmund und zuletzt beim 1. FC Köln. Als der in der vergangenen Saison abstieg, entschied er sich, mit dem Profifußball aufzuhören.

Heinrich schildert den Entschluss als Selbstverständlichkeit – dass er zuletzt meist nur auf der Auswechselbank saß, habe keine Rolle gespielt: „Ich hatte einfach genug. Es war eine tolle Zeit, jetzt ist sie zu Ende.“ Punkt. Lange Grübeleien sind seine Sache ebenso wenig wie große Auftritte. Er hat sich nie um Interviews gerissen und meist von Fernsehkameras fern gehalten: „Ich wollte immer nur Fußball spielen“, sagt er.

Nach seinem Abschied von Köln zog er zu seiner Freundin nach Berlin. Von hier ist es nur ein Katzensprung nach Ludwigsfelde. Deshalb kam er auf die Idee, seinen alten Feund Parpat anzurufen. „Ich musste abtrainieren“, sagte er: „Und es macht mir keinen Spaß, allein durch den Wald zu joggen. Fußballer sind eben gesellige Typen.“

Wann immer es seine Zeit erlaubt, fährt Jörg Heinrich, der sieben Tage vor der Flutkatastrophe vom Urlaub auf den Malediven zurückkehrte, nun nach Ludwigsfelde. Das Waldstadion dort hat eine geräumige Gaststätte, in der die Tasse Kaffee 60 Cent kostet, und einen passablen Trainigsplatz mit Flutlicht. Seit 3. Januar trainieren die Amateure wieder. Die erste Mannschaft des LFC, der zu DDR-Zeiten Motor Ludwigsfelde hieß, beginnt um 18.30 Uhr. Trainer Löbenberg muss die Männer nicht antreiben – die Kälte macht längere Pausen sowieso unmöglich.

Am Spielfeldrand bibbern Leonel (16), Jeff (20) und Walter (22). Die drei Afrikaner aus dem nahe gelegenen Asylbewerberheim tragen Pudelmützen zu den Trainingsanzügen. Sie wollen mitmachen, zu Hause in Kamerun hätten sie in der höchsten Liga gespielt, erzählen sie. Trainer Löbenberg hat versprochen, dass sie um 20 Uhr mit der zweiten Mannschaft trainieren dürfen. Nun warten sie geduldig. „Fußball ist unser Leben“, sagen sie.

Jörg Heinrich kann sie verstehen: „Ich war auch ein Besessener“, erzählt er: „Mit sechs Jahren nahm mich ein Freund zum Fußball mit, von da an gab es nichts anderes mehr.“ Jeden Tag hoffte der Junge, dass die Eltern nicht zu Hause sein würden, wenn er von der Schule kam. Nur dann konnte er gleich Fußball spielen, ansonsten hieß es Hausaufgaben erledigen.

Sein Vater sei aber mit ihm zu jedem Spiel gefahren, erzählt er, das habe ihm viel bedeutet. Sein Vater ist vor eineinhalb Jahren gestorben. Schnell redet Heinrich weiter: von der Mutter, die nicht mehr lange bis zur Rente hat und die er oft in Rathenow besucht. Von den Kameraden beim Ludwigsfelder FC, mit denen es Spaß mache zu spielen. Vom Kampf um den Klassenerhalt: Ludwigsfelde steht vor Beginn der Rückrunde immerhin auf einem erstaunlichen achten Platz.

Natürlich denkt Heinrich angesichts der zwei-, dreihundert Zuschauer am Spielfeldrand manchmal an die halbe Million Menschen, die der Borussia nach dem Gewinn der Championsleague in Dortmund zujubelten: „Das vergisst man nie, aber vorbei ist vorbei.“ Auch in der vierten Liga spielt er mit Leidenschaft, sagt sein Trainer: „Er schont sich nicht, obwohl gegnerische Spieler großen Ehrgeiz entwickeln, ihn auszuschalten.“ Oft gibt Jörg Heinrich den jungen Fußballern Ratschläge. Auch beruflich will er sich als Spielerberater etablieren. „Ich bin gelernter Instandhaltungsmechaniker, doch in den vergangenen zehn Jahren habe ich mein Geld ausschließlich mit Fußball verdient.“ Wie viel, darüber redet er nicht.

Vom Ludwigsfelder FC bekommt er jedenfalls nur Fahrkosten erstattet. Und alle vierzehn Tage ein neues Trikot.

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