Der Tagesspiegel : Ein Siebenschläfer macht noch keinen Sommer

Meteorologen erwarten durchwachsene Ferienmonate – doch für die Getreidebauern kommt der Regen viel zu spät

Claus-Dieter Steyer

Rühstädt. In vielen Kalendern trägt das heutige Datum einen besonderen Zusatz: Siebenschläfer. Das Wetter an diesem Tag soll richtungsweisend für den ganzen Sommer sein, glaubt jedenfalls der Volksmund. Doch der Meteorologe Thomas Globig weist alle derartigen Überlegungen zurück. „Es ist leider ein weit verbreiteter Irrtum, das Wetter für die nächsten Wochen an einem einzigen Tag festzumachen“, sagt der Experte. „Da muss schon der Zeitraum bis in die erste Juli-Dekade betrachtet werden.“ Und da sieht es laut seinen Voraussagen gar nicht so gut aus. „In der nächsten Woche erwarten wir kein durchgängig schönes Wetter, so dass auch die Prognose für den Sommer in Berlin und Brandenburg eher bescheiden ausfällt: Es gibt keinen Hitze- oder Dürresommer, sondern eher normales Wetter mit Regen und Sonnenschein im Wechsel.“

Für die meisten Bauern werden die angekündigten Niederschläge allerdings zu spät kommen. Auf 30 bis 50 Prozent schätzt das Agrarministerium die Schäden auf den Feldern. Es hat seit Jahresanfang einfach viel zu wenig geregnet. Gegenüber dem langjährigen Mittel fielen im Landesdurchschnitt im Februar nur 15 Prozent der üblichen Niederschläge, im März waren es 67 Prozent, im April 54 und im Mai nur 48 Prozent. In einigen Gegenden, vor allem im Südosten, wurden teilweise nur acht Prozent des üblichen monatlichen Regens gemessen. Dafür überschritt die Sonnenscheindauer das übliche Maß um bis 47 Prozent.

Das Landesumweltamt betrachtet diese Entwicklung mit größter Sorge. „In der Uckermark stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur in den vergangenen 100 Jahren um 3,7 Grad Celsius an“, stellt der Präsident des Umweltamtes, Professor Matthias Freude, fest. „Das gibt es meines Wissens nirgendwo sonst auf der Erde.“ Die Niederschlagsgebiete aus dem Westen und Norden erreichten immer weniger die östlichen Landstriche, so dass sich in Brandenburg und Berlin immer stärker ein kontinentales Klima durchsetze.

Die Folgen werden nicht zu übersehen sein. Höhere Temperaturen führen zu einer stärkeren Verdunstung, das Grundwasser sinkt ab und den Flüssen und Gewässern fehlt frisches Wasser zur Verdünnung der Schadstoffe, wodurch sich die Qualität verschlechtert. Die Klima-Veränderung in Brandenburg ist zu einem großen Teil selbst verschuldet worden. Drei Gründe zählt Landesumweltchef Freude auf: die starke Entwässerung in der Landwirtschaft, durch die Braunkohle-Tagebaue sowie die großen Kiefernwälder. Diese speichern im Unterschied zu Mischwäldern überhaupt kein Wasser. Deshalb will Brandenburg den Anteil der Kiefern-Mono-Kultur drastisch verringern und mehr Feuchtbiotope anlegen. Vielleicht fühlen sich dann auch wieder mehr Störche im Lande wohl. In diesem Jahr spielten sich in den Horsten teilweise dramatische Szenen ab. Wegen Futtermangels warfen viele Eltern ihr Jungstörche kurzerhand aus dem Nest. „Seit 1997 hatten wir nicht mehr so ein schwieriges Jahr“, sagt Arthur Labrenz aus dem Europäischen Storchendorf Rühstädt an der Elbe. Auch ihn dürfte die „durchwachsene“ Sommerprognose von Thomas Globig freuen.

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