Der Tagesspiegel : Ein Sieg der Familie

Dank neuem Rückhalt gewinnt die Wallonin Justine Henin zum vierten Mal die French Open

Paris - Im Moment des Triumphes bei ihrem Lieblingsturnier dachte Justine Henin nicht an Rekorde, Superlative oder persönliche Bestmarken. Nach der zweiwöchigen Demonstration ihrer Ausnahmestellung im Damen-Tennis und den üblichen Danksagungen an Organisatoren und Freunde bei der Siegerehrung blickte die viermalige French-Open-Siegerin kurz zum Himmel und sagte: „Mein letzter Dank geht schließlich nach da oben. Ich denke an dich. Du bist in meinem Herzen. Danke, dass du auf mich aufpasst.“ Wie bereits 2003 bei ihrem ersten Sieg widmete die 25 Jahre alte Belgierin den Erfolg ihrer 1994 gestorbenen Mutter Francoise. Ihr hatte sie bei einem Besuch des Turniers als Elfjährige versprochen, dort auch einmal zu gewinnen.

Jetzt hat die kleine Wallonin die wichtigste Sandplatzveranstaltung der Welt sogar zum vierten Mal nach 2003, 2005 und 2006 gewonnen. Im Finale am Samstag hatte sie die völlig überforderte 19-jährige Serbin Ana Ivanovic im Eiltempo ihres deutschen Vorbildes Steffi Graf in 65 Minuten mit 6:1, 6:2 deklassiert. Nur die Amerikanerin Chris Evert (7), Steffi Graf (6) und die Australierin Margaret Court (5) haben in Paris öfter triumphiert. Ihrer unterlegenen Finalgegnerin blieb nach der mit einer halben Million Euro gut bezahlten Lehrstunde die einfache Erkenntnis: „Ich habe gegen eine großartige Spielerin verloren. Auf Sand ist sie einfach die Beste.“

Die sechsmalige Grand-Slam-Siegerin Henin lieferte nach ihrem denkwürdigen Auftritt dann auch noch mehr Rekorde für die Statistikspalten: Als erste Spielerin seit Monica Seles vor 15 Jahren schaffte sie einen Titel-Hattrick in Paris. 35 Sätze in Serie hat sie dort seit dem Achtelfinale 2005 gewonnen – vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit. „Sie ist der Federer auf der Damen-Tour“, sagte die zweimalige French-Open-Siegerin Martina Navratilova über Henin. Die Belgierin stürmte nach ihrem letzten Vorhand-Volley des Finals ans Netz, warf den Schläger in die Luft und stützte sich mit beiden Armen auf dem Netz ab. Nur kurz vergrub die Siegerin die Hände im Gesicht, dann warf sie eine Kusshand ins Publikum und verneigte sich vor den Zuschauern. „Das war ein außergewöhnliches Abenteuer für mich“, sagte Henin mit dem silbernen „Coupe Suzanne Lenglen“ im Arm. „Ich fühle mich hier zu Hause und hatte viel Freude auf dem Platz.“

Doch nach der schwierigen Phase zu Beginn des Jahres mit der Scheidung von ihrem Mann Pierre-Yves und der Absage für die Australian Open scheint Henin nun auch außerhalb des Platzes ihr Glück wiedergefunden zu haben. Mit ihrem Vater, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte, spricht sie seit drei Monaten wieder. Ihre beiden Brüder und ihre Schwester saßen am Samstag erstmals seit 1999 wieder auf der Tribüne. „Die letzten Monate waren nicht einfach“, sagte Henin. „Aber heute können wir diesen Moment der Freude teilen. Es ist ein großartiges Gefühl, diesen Sieg der Familie zu widmen.“ dpa