Der Tagesspiegel : Ein Sieg, der neue Wunden schlägt

CDU wählt neuen Vorsitzenden Junghanns mit knapper Mehrheit, doch sein Generalsekretar fällt durch

M. Mara,T. Metzner

Frankfurt (Oder) – Was für ein Drama, nein, was für ein Krimi! Es gibt einen Moment, da gehen Ulrich Junghanns, gerade ganz knapp mit zwei Stimmen Vorsprung vor Ex-Generalsekretär Sven Petke zum neuen CDU-Landesvorsitzenden gewählt, die Nerven durch. Er geht zum Mikrofon, heftig erregt und beklagt, den „Hass, der diese Partei auseinandertreibt“. Nur wenige Sekunden vorher hatte der gerade gewählte Schönbohm-Nachfolger und Brandenburger Wirtschaftsminister seine erste schwere Niederlage einstecken müssen. Er blitzte mit seinem Vorschlag ab, den langjährigen Schatzmeister und Landtagsabgeordneten Dierk Homeyer zum Generalsekretär zu wählen, traditionell Vertrauensposten des Vorsitzenden, der das alleinige Vorschlagsrecht hat. Im Petke-Lager höhnisches Gelächter, als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde.

Die CDU ist nach der Wahl von Junghanns tief gespalten, vielleicht noch tiefer als zuvor. Dabei hatten am Vormittag Angela Merkel, der bisherige Vorsitzende Jörg Schönbohm, aber auch Ulrich Junghanns und Sven Petke in ihren Vorstellungsreden Geschlossenheit angemahnt. Aber was sind schon Worte in einer Partei, wo in den letzten Wochen dieses Machtkampfes geheuchelt und gemetzelt wurde.

Als Angela Merkel um 10.30 Uhr in den Saal des Frankfurter Kleistforum unter Technoklängen und tosendem Beifall der 200 Delegierten einzog, schien die Welt noch in Ordnung. Ein Blitzlichtgewitter ging nieder, Kameras klickten. Man registrierte, dass Angela Merkel sich direkt neben Ulrich Junghanns setzte – sage niemand, das Protokoll sei Zufall. Sie lächelte, tätschelte dem Brandenburger Wirtschaftsminister die Schulter, verwickelte ihn in ein angeregtes Gespräch. Merkel und Junghanns – das sollte das Foto des Tages sein, die CDU-Vorsitzende und der Nachfolger von Jörg Schönbohm, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewählt war. Und hinter der Bühne, auf der Leinwand prangte das passende Motto dieses Parteitages: „Verantwortung für Brandenburg“.

Man registrierte auch, dass es zu keiner Begegnung von Merkel mit Petke kam, der in der vorletzten Reihe Platz genommen hatte, und keine Miene verzog. Die Kanzlerin ging in ihrer Rede wohlweislich nicht auf die Niederungen des Brandenburger Diadochenkampfes ein, erwähnte auch die Kontrahenten nicht namentlich. Sie verabschiedete sich mit warmen Worten von Jörg Schönbohm, dem scheidenden Vorsitzenden, der diesen Landesverband prägte, sie lobte die Erfolge der CDU in der Landesregierung. Nur „einen Wunsch“ hat Merkel an die Delegierten, ehe sie den Parteitag gleich nach ihrer Rede wieder verlässt. Die Delegierten mögen nach dem Prinzip entscheiden, so Merkel: „Erst das Land, dann die Partei, dann die Person.“

Aber ihr Appell nützte nichts. Es ging und geht um Personen, nicht um die Partei, nicht um das Land. Und auch dieser Parteitage entwickelte seine eigene Dynamik, nachdem die Kanzlerin ihn verlassen hatte. Die beiden Lager kämpften um alles oder nicht. Nach der verlorenen Wahl kandidierte Sven Petke sofort für den Posten eines der vier stellvertretenden Landesvorsitzenden, ebenso vier weitere seiner Getreuen. Ein Junghanns-Unterstützer: „Sie wollen die Macht im geschäftsführenden Landesvorstand übernehmen.“

Hatte man nicht soeben noch Jörg Schönbohm, der dringend, ja flehentlich Geschlossenheit anmahnte, mit stehenden Ovationen verabschiedet? Es war seine letzte Rede als Parteichef. Er sprach viel von dem, was die Union unter seiner Führung erreicht hat. Aber vor allem redete er noch einmal Klartext. Er beklagte die Indiskretionen, all die unappetitlichen Begleiterscheinungen des Machtkampfes der letzten Wochen, die längst niemand mehr hören wollte. Aber er musste das alles vor dem „Neuanfang“, der dann doch gründlich daneben ging, noch einmal offen aussprechen.

Vielleicht war es ein Fehler, dass er indirekt Petke für das ganze Schlamassel verantwortlich machte. Es schien eine Zumutung für viele zu sein, die davon nichts mehr hören wollten. „Da ist manche Hand beim Beifall stecken geblieben“, beobachtete Ulrich Junghanns. Da war er noch nicht mit zwei Stimmen Mehrheit gewählt, da war Homeyer noch nicht gescheitert.

Aber die „Petkeianer“, wie sie genannt werden, die vor allem in den hinteren Reihen im Saal sitzen, treten mit großer Geschlossenheit auf. In der Aussprache vor der Wahl des Vorsitzenden sind es vor allem Unterstützer des Ex-Generalsekretärs, die einer nach dem anderen ans Rednerpult marschierten. Die „Horrorszenarien“ die gezeichnet würden, wenn Petke gewinne, seien übertrieben, sagte etwa der Bundestagsabgeordnete Michael Stübgen, und verwies auf Sachsen, auf Baden-Württemberg, wo es auch zu Auseinandersetzungen um den Parteivorsitz gekommen sei. „Wir sind nicht schlechter als andere auch.“

Schon am Anfang des Parteitages, als der Frankfurter CDU-Chef Stefan Große-Boymann in einem Grußwort für Junghanns warb, war er von Pfiffen und Buhrufen unterbrochen worden. Dass Ulrich Junghanns seine bislang beste Rede hielt und sogar manchen Skeptiker überraschte, nutzte ihm nicht viel. Er sprach in freier Rede souverän, mal kämpferisch, mal leise, mal persönlich. Und manchmal wurde er grundsätzlich, etwa wenn er auf die „Lagerbildung, das Unwort des Jahres 2006“ einging. Aber die Lager werden die CDU noch lange beschäftigen.

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