Der Tagesspiegel : Ein Stapel Bücher erinnert an Omar Ben Noui

CLAUS-DIETER STEYER

GUBEN .Algerien baut keine Raumschiffe.Wie also kann jemand in diesem von Terroranschlägen gezeichneten Land ausgerechnet Luft- und Raumfahrttechnik studieren? Bensaha Khaled lächelt."Omar war ein Träumer.Nein, besser gesagt, ein Zukunftsmensch.Immerzu hat er nachgedacht, gezeichnet, manchmal die verrücktesten Sachen.Flugzeuge, Raumschiffe, die tollsten Dinge mit genauen Berechnungen.Er hat stundenlang gelesen, Fachbücher in mehreren Sprachen." Ein letzter Stapel Bücher liegt noch auf seinem Doppelstockbett.Niemand hat die Bücher in den letzten Tagen angerührt.Sie gehörten Omar Ben Noui.Der von seinem Freund als Träumer bezeichnete Algerier verblutete in der Nacht zum vergangenen Sonnabend nach der Hetzjagd rechter Gewalttäter durch das Grenzstädtchen Guben in einem Treppenhaus.

Der 27jährige Bensaha Khaled ist in seinem Redeschwall kaum zu bremsen.In einem Mix aus französisch, englisch, arabisch und deutsch erzählt er vom toten Freund, von Guben und der Schreckensnacht.Er schüttet dem unbekannten Reporter sein Herz aus."Reden ist jetzt die beste Ablenkung", sagt er und wartet schon längst nicht mehr auf Fragen.Omar Ben Noui war Asylbewerber wie er.Im August 1997 hatten sich die Landsleute auf der Fahrt von der Zentralen Aufnahmestelle in Eisenhüttenstadt ins wenig entfernte Guben kennengelernt.Sie stammten beide aus Algier, also fiel der erste Kontakt nicht schwer.

Warum haben sie sich ausgerechnet Deutschland als Asylland ausgesucht? Bensah Khaled lacht wieder."Deutschland hat bei uns den besten Ruf unter den Studierten.Hier sind große Institute, Universitäten und Unternehmen zu Hause.Da streben viele hin." Jeder junge Mensch wolle schließlich etwas ganz Besonders aus seinem Leben machen.Omar Ben Noui habe sich in den Kopf gesetzt, Flugzeuge zu konstruieren, oder sogar Raumschiffe."In Algerien hatte er dafür keine Perspektive.Auch meine Ausbildung als Diplom-Chemiker brauchte plötzlich niemand mehr.Also sind viele nach Deutschland und haben hier Asyl beantragt", schildert Khaled die Motive für dasVerlassen der Heimat.

Omar Ben Noui sei ein sehr ruhiger Mensch gewesen.Äußerlich habe er sich nichts ansehen lassen.Doch im Innern sei er doch sehr traurig darüber gewesen, in Deutschland als Asylbewerber nicht weiterstudieren oder arbeiten zu können.Der selbstfinanzierte Elektronikkurs habe da nur wenig Ablenkung gebracht.Vielleicht, so überlegt sein Freund, habe er deshalb auch nicht mit seiner Liebe zu einer jungen Frau aus Cottbus geprahlt."Wir haben ihm immer zu seinem großen Glück gratuliert, daß er eine deutsche Partnerin gefunden hatte.Eine feste Beziehung hätte doch den Asylantrag gewiß beschleunigt, zumal ein Baby unterwegs war.Doch Omar hat immer abgelenkt."

Khaled spricht von Stolz und Ehrlichkeit.Sein Freund habe der jungen Frau wohl seine große Liebe beweisen wollen.Auf keinem Fall sollte sie denken, daß er allein wegen des Asylantrages mit ihr zusammen sein wollte.Im August erwartet die junge Cottbuserin ihr Baby.Während des Mahngottesdienstes am Montag abend in der Gubener Klosterkirche rief der Pfarrer zur Kollekte für die Frau auf.Viele Gubener gaben kleine und große Beträge.

Über die familiären Verhältnisse von Noui ist weder im Asylbewerberheim noch von seinen engen Freunden viel zu erfahren."Die Unterlagen liegen alle bei der Bundeszentrale für Asylbewerber", sagt Heimleiter David Nicette von den Seychellen, der sofort nach Bekanntwerden des Todesfalls seinen Frankreichurlaub abbrach."Vater, Mutter, Bruder und Schwester hatte er auf jeden Fall", sagt sein Freund Khaled.Erzählt habe er aber darüber nichts.Bei solchen Fragen stürzte sich Omar Ben Noui offenbar in seine Bücher.Im Heim äußern sich alle nur positiv über den "bescheidenen und höflichen Menschen".

Doch sobald die Rede auf die Hetzjagd am vergangenen Wochenende kommt, sprechen alle plötzlich nur noch von den "Nazis".Der Mann aus dem Sudan, der Vietnamese, das indische Ehepaar oder die anderen Algierer verwenden den Begriff für die Angreifer wie selbstverständlich."Nazis haben uns gejagt.Brutal und haßerfüllt", sagt der 18jährige Issaka Kaba aus Sierra Leone, der in der Todesnacht zusammen mit Bensaha Khaled und Omar Ben Noui unterwegs war.

Doch der junge Schwarzafrikaner wirkt noch immer verstört.Sein Bild von Deutschland, in dem er seit vier Monaten lebt, ist völlig durcheinander geraten.Erst wurde er durch die Straßen gehetzt, und dann fünf Stunden auf der Polizeiwache in Handschellen festgehalten."Ich habe von einer Gaststätte die Polizei angerufen.Ich wollte Hilfe für den Algerier.Vor der Tür grölten die Nazis.Doch als die Polizisten hereinkamen, nahmen sie mich plötzlich fest.Ich sollte einen Nazi angegriffen haben.Doch das stimmt nicht.Die Polizisten haben mir nicht geglaubt, oder sie wollten mich einfach nicht verstehen."

Die Polizei bestätigt später das stundenlange Festhalten des jungen Afrikaners in Handschellen."Es gibt auf der Wache keinen Verwahrraum", sagt Polizeisprecher Berndt Fleischer."Die Beamten gingen davon aus, daß der Mann aus Sierra Leone in eine Auseinandersetzung verwickelt gewesen war.Dann überschlugen sich die Ereignisse.Leider stand erst zur Mittagszeit ein Dolmetscher bereit."

Seit dem Tod seines Freundes verdreifachte Bensaka Khaled seinen täglichen Zigarettenkonsum."Zur Ablenkung", sagt er."Es ist so traurig, was passierte." Er macht sich sogar Vorwürfe.Als die rechten Jugendlichen die drei Männer als "Kanaken-Schweine", "Ausländer-Säue" und "Nigger" beschimpften, habe Omar die Worte zuerst gar nicht verstanden."Ich wußte sofort Bescheid, während Omar noch verdutzt fragte, was denn los sei.Ich habe ihn dann sofort weggezogen und zum Wegrennen aufgefordert.Vielleicht hätten wir gleich um unser Leben flüchten sollen.Die Nazis hatten so einen großen Haß", erzählt er kopfschüttelnd.

In den nächsten Tagen wird Khaled die Stadt Guben verlassen und seinem Wunsch entsprechend in ein Heim in Potsdam ziehen."Ich lasse viele gute Freunde zurück - im Heim und in Guben selbst", sagt der 27jährige."Aber vielleicht kann ich in Potsdam schneller die Trauer um den Tod von Omar überwinden."

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