Der Tagesspiegel : Einblick ins Depot der DDR-Kunst

Ausstellung auf Burg Beeskow zeigt Gemälde und Plastiken, die als Auftragswerke entstanden

Claus-Dieter Steyer

Beeskow. Viele Schriftsteller, Feuilletonisten und Kabarettisten der DDR beherrschten den Stil: Sie schrieben, erzählten und texteten „zwischen den Zeilen“: Kritik am System wurde verpackt – und trotzdem verstanden.

Langes Training half eben, zumal oft erst die Suche nach dieser Botschaft den besonderen Reiz eines Werkes ausmachte. „Bei Gemälden oder Plastiken war es ähnlich“, sagt Wolfgang de Bruyn, Leiter des Kreis-Kulturamtes, beim Rundgang durch die neue Ausstellung von DDR-Kunst auf der Burg Beeskow. „Schauen Sie in die Gesichter, die Umgebung oder auf kleine Details. Das ist manchmal äußerst spannend.“ Dabei handelt es sich bei den jetzt gezeigten rund 170 Bildern und Plastiken sämtlichst um Auftragswerke von Parteien, Massenorganisationen oder Kulturhäusern.

Es ist nicht nur das selten gewordene Vergnügen, zwischen den Zeilen zu lesen oder zu schauen, das den Besuch in Beeskow so reizvoll macht. Es ist auch die ganz pure Entdeckung von sonst verborgenen Schätzen: Denn die Exponate stehen normalerweise verschlossen in einem Speicher hinter der Burg. Zusammen mit weiteren 30 000 Kunstwerken. Erstmals seit zwei Jahren haben sich wieder zwei Wissenschaftler an die Arbeit gemacht, um einige Stücke aus dem geheimen Schatz an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach der Wende hatten sich die Länder Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern entschieden, die in den vielen öffentlichen Gebäuden hängenden oder stehenden Kunstwerke in Beeskow zu sammeln. Sachsen und Thüringen wählten zunächst die Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz zum Aufbewahrungsort. Doch seit einiger Zeit werden Teile aus deren Sammlung an alle möglichen Interessenten verkauft.

„Das planen wir nicht“, erklärt de Bruyn. „Das Kunstarchiv Beeskow wird ab 2003 mit einem festen Budget von 105 000 Euro arbeiten können, die sich Berlin und Brandenburg teilen. Mecklenburg-Vorpommern beteiligt sich wegen der geringen Anzahl der Werke nur an der Finanzierung bestimmter Projekte.“ Der jetzigen Ausstellung unter dem Titel „Offenes Depot“ folgt voraussichtlich im Frühjahr ein zweiter Teil mit Fotos und Plakaten aus DDR-Zeiten.

Am Konzept werde sich voraussichtlich nichts ändern, sagt Burgdirektor Tilman Schladebach. „Es soll ein Querschnitt unserer Sammlung gezeigt werden, ohne Chronologie und nicht in herabwürdigender Weise.“ Bis auf Walter Womacka, der mit dem Mosaik „Familie“ vertreten ist, fehlen in der von Benedicta von Branca und Ines Arnemann zusammengestellten Schau die ganz großen Künstlernamen. Aber das schmälert nicht die Entdeckungsfreude. Während der handgeknüpfte Teppich aus Wurzen mit dem Porträt des ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck noch ein Schmunzeln hervorruft, stimmt Arnold Pemanns Gemälde „Junge Arbeiter an der Trasse“ nachdenklich. Denn im Unterschied zu den Heldengeschichten in den offiziellen Medien über Jugendbrigaden beim Bau von Erdgaspipelines in der Sowjetunion zeigt das Bild nur Männer mit alten Gesichtern in einer düsteren Umgebung.

Die Ausstellung „Offenes Depot“ ist bis zum 4. Mai 2003 auf der Burg Beeskow zu sehen, geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr. Infos unter www.burg-beeskow.de oder unter Telefon 018 05/01 23 00.

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