Der Tagesspiegel : Eine Gemeinde steigt auf

Dank des Flughafens ist Schönefeld schuldenfrei. Jetzt will es kräftig weiterwachsen – aus heute 13 000 Einwohnern sollen 30 000 werden

Claus-Dieter Steyer

Schönefeld - Der große Stein vor dem modernen Neubau des Rathauses von Schönefeld hat es dem Bürgermeister angetan. Mit der Inschrift können Uneingeweihte nicht viel anfangen. Eine Familie Birkoben hat darin festgehalten, dass sie 1944 aus ihrer ostpreußischen Heimat vertrieben wurde und 1951 in Diepensee einen Neubeginn wagen musste. „Erwin Birkoben war der Letzte von über 300 Einwohnern von Diepensee“, erzählt Gemeindechef Udo Haase. Jahrzehnte später musste er vom Umzug zugunsten des Großflughafens überzeugt werden. „Ich wollte den Stein aus dem Vorgarten immer als Geschenk haben, wenn Erwin Birkoben tatsächlich seine Koffer gepackt hat“, sagt Haase. „Er hat es wahr gemacht.“

Diepensee ist längst unter großen Baggerschaufeln verschwunden. Quer über dem einstigen Dorfanger erheben sich die Grundmauern des künftigen Terminals mit seinem unterirdischen Bahnhof. Der Bürgermeister lacht zufrieden. „Zum Glück hat alles mit der Umsiedlung reibungslos geklappt. Denn der Flughafen ist unser größtes Glück.“

Der Beweis für diese Aussage steht im Haushaltsbuch. Vor wenigen Tagen tilgte die aus den Ortsteilen Schönefeld, Selchow, Waltersdorf und Großziethen bestehende Großgemeinde sämtliche Schulden. 2003, bei der Bildung des Zusammenschlusses, hatten sich die Schulden auf 4,5 Millionen Euro summiert. Der Neubau von Straßen für das Einkaufs- und Gewerbezentrum in Waltersdorf an der Autobahn, von Schulen, Kitas oder Gemeinschaftshäusern hatte viel Geld gekostet. Mit der letzten Rate von 500 000 Euro sind nun alle Kredite abgelöst, so dass sich Schönefeld in die kleine Reihe schuldenfreier Orte in Brandenburg einreihen kann.

Das Geld kommt nicht allein aus dem Verkauf von Flächen für den Flughafen, der sich auf rund 20 Prozent der gesamten Gemeindefläche ausdehnen wird. Einen wichtigen Posten macht auch die Einkommenssteuer aus. Der Gemeindeanteil daran lag 2004 bei rund 1,4 Millionen Euro, im Vorjahr schon bei 2,8 Millionen. „Zu uns ziehen eben hauptsächlich Menschen, die gut verdienen“, erklärt der Bürgermeister das Phänomen. „Das sind Ingenieure, Techniker und andere Fachleute, die gut bezahlt werden.“

Die Steuereinnahmen werden wohl weiter kräftig sprudeln. 1990 betrug die Einwohnerzahl auf dem heutigen Gemeindegebiet 5800 Menschen, heute sind es schon über 13 000. In 15 Jahren, so hofft man hier, sind es 30 000 bis 35 000 Einwohner. Sie finden Arbeit nicht nur auf dem Airport, sondern gleich auf drei großen Gewerbegebieten: Airport-City Schönefeld, die zwischen dem Städtchen und der Flughafenbaustelle bereits existiert, und den Gewerbegebieten Schönefeld-Waltersdorf-Nord-Kienberg und BBI Businesspark auf Berliner Grund. Dort sollen Bürohäuser, Lagerhallen und Hotels entstehen. „Allerdings machen uns schlechte Nachrichten wie die Neuausschreibung des Terminalbaus oder Probleme bei der Bahnanbindung manchmal etwas zu schaffen. Dann müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, dass sich Schönefeld tatsächlich nach Frankfurt am Main und München zum dritten deutschen Luftkreuz entwickelt.“

Der Fluglärm wirkt offenbar auf viele Zuzugswillige nicht abschreckend. Der Blick auf eine Karte mit den größten Belastungen erklärt, warum. Demnach wird rechts und links der Start- und Landebahnen weniger Krach erwartet als etwa im Anflug- oder Steigbereich der Maschinen. Mahlow, Schulzendorf, Diedersdorf, Blankenfelde oder Bohnsdorf sind stärker betroffen. Von den 20 000 Einwänden gegen den Plan des Flughafens stammten ganze sechs aus Haases Gemeinde. „Die Menschen schätzen offenbar auch die mittelbaren Vorzüge des Airports“, sagt der Bürgermeister. So baue die Gemeinde eine Schwimmhalle direkt neben das Rathaus und die neue Schule.

Derzeit diskutieren die Menschen im kleinen Kienberg, das am Eingang zum neuen Großflughafen liegt, ob sie an einen ruhigeren Standort umziehen sollen. In Rotberg-Süd würden für sie neue Häuser entstehen. Das Geld dafür würde zu einem großen Teil von einem Investor kommen, der auf dem Grund und Boden von Kienberg Gewerbe ansiedeln würde. Vielleicht erhält der Findling aus Diepensee vor dem Schönefelder Rathaus demnächst einen Nachbarn aus Kienberg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben