Der Tagesspiegel : Eine Scheibe Mensch

Besuch im Plastinarium: Noch streikt die Technik, aber bald kann man hier auch zusehen, wie die Körper zersägt werden

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Guben – Vor „Doktor Tod“ sind alle gleich: Ob Schönheitskönigin, Fußballstar oder vom Suff zerfressener Alkoholiker – der Mensch ist 140 000 Euro wert. Genauer gesagt: der Körper des Menschen. Noch genauer gesagt: der tote Körper des Menschen, seine Leiche also. Allerdings nur, wenn der noch lebende Mensch seinen später nicht mehr lebenden Körper dem umstrittenen Leichenpräparator Gunther von Hagens zur Verfügung stellt.

Der macht daraus Scheibenplastinate. Aus einer Leiche kann man beispielsweise 20 Ganzkörperscheiben herstellen. Die sind, sagt von Hagens, sehr gefragt an Universitäten und kosten etwa 7000 Euro pro Stück. Zwanzig mal siebentausend macht 140 000 Euro.

Wie aus einer Leiche die Plastinate werden, haben sich in den vergangenen drei Tagen bereits mehr als viertausend Menschen angesehen. Im am Freitag eröffneten Gubener Plastinarium mit „Blick hinter die Kulissen der Körperwelten“ ist alles gut verständlich erklärt:

Zum ThemaFotostrecke: Plastinarium Erst kommt der tote Körper für ein Weilchen ins Formalin. Dann wird er bei Minus 70 Grad tiefgefroren, mit einem Spezialschaum behandelt und noch mal tiefgefroren. Schließlich wird der Leichnam auf eine Spezialsägemaschine gelegt, die er scheibchenweise wieder verlässt. Bei Ganzkörperscheiben muss der sich während des Sägens erwärmende Körper nach zwei, drei Scheiben wieder „zwischengefroren“ werden. Besucher des Plastinariums konnten am Wochenende zwar schon die Leichen betrachten, die Säge aber war noch nicht in Aktion. Gunther von Hagens entschuldigte dies mit „Problemen bei der Stromversorgung“, stellte aber in Aussicht, dass auch die Säge bald funktionieren wird.

Alles andere funktioniert schon prächtig. Die eigentliche Plastination beginnt ja erst, wenn die Scheiben zugeschnitten sind. Man kann aber auch bei der Herstellung von Skeletten oder bei der anatomischen Präparation der Körper zusehen. Alles sauber und steril. Wie im OP-Saal ist nur jener Teil der Leichen entblößt, der gerade behandelt wird. Chinesen in blauen Kitteln lernen die neu eingestellten einheimischen Arbeitskräfte an.

Außerdem besteht das Plastinarium, das von Hagens in den Räumen der ehemaligen Textilfabrik „Gubener Wolle“ eingerichtet hat, aus einer Ausstellung zur Anatomie-Geschichte. Und aus dem Schauraum, wo es wie in den „Kö rperwelten“-Ausstellungen plastinierte Menschen auf plastinierten Pferden zu sehen gibt. Aber auch Schachspieler, Embryos, Affen, Giraffen, Raucherlungen und Gallensteine. Der Schauraum ist der einzige Teil des Plastinariums, in dem nicht fotografiert werden darf. Das Erinnerungsbild kann man aber davor schießen: Die holde Ehefrau auf dem Fahrersitz eines Smarts mit Heidelberger Kennzeichen und einem echten Skelett als Beifahrer. „Der Tod fährt mit“ erhält so eine ganz neue Bedeutung.

Fast alle Besucher sind begeistert. Und dankbar. „Ich hab’ so was noch nie gesehen“, sagt eine 50-Jährige: „Toll, dass man sich nun ein Bild machen kann, wie man innen aussieht.“ Im Gästebuch, das am Ausgang ausliegt, finden sich fast nur Lobeshymnen. „Danke Herr von Hagens, dass Sie sich nicht aus Guben vertreiben ließen“, hat ein Mann geschrieben.

Am Ausgang kann man sich auch T-Shirts kaufen – bedruckt mit Raucherlunge oder plastinierter Ente. Daneben brät Norbert Hahn in einem kleinen Zelt seine Grill- und Currywürstchen sowie leckere Frikadellen, das Stück zu ein Euro achtzig. Kaffee kostet 80 Cent. Der Fleischermeister aus Guben ist zufrieden mit seinem neuen Nebengeschäft. Er hat die Ausstellung noch nicht gesehen, aber auch nicht bemerkt, dass sie jemandem den Appetit verdorben hätte. „Viele kommen ja von weit her, aus Berlin oder Polen. Die haben irgendwann mal Hunger.“

Die allererste Besucherin des Plastinarriums war Alice Gründler. Die 79-Jährige gehört zu den wenigen Gubenern, die Gunther von Hagens kritisch sehen: „Gerade deshalb musste ich mir das ja anschauen“, sagt sie. Von dem Rundgang sei sie enttäuscht gewesen, „weil ich mir das blutiger vorgestellt hatte“. Dennoch sei sie immer noch gegen den „unnatürlichen Umgang mit menschlichen Leichen“. Und das, obwohl ihr Enkel wie vier Dutzend andere Langzeitarbeitslose hier einen Job gefunden hat.

Auch Joachim Bauer hat lange vergeblich nach Arbeit gesucht. Der 55-Jährige war Fleischer. Mit toten Körpern zu hantieren, mache ihm nichts aus, sagt er. Durch den neuen Job sei er immerhin bis ins Reich der Mitte gekommen. Fünf Wochen lang wurde er im nordchinesischen Dalian geschult, wo Gunther von Hagens ebenfalls eine Werkstatt betreibt.

Cornelia Uhlmann war 15 Jahre erwerbslos. Jetzt berät die 44-jährige Gubenerin jene Besucher, die „Körperspender“ werden wollen. „Ungefähr jeder Dritte interessiert sich dafür“, sagt sie.

Ingeborg Hager hat ihren Leib schon vor sieben Jahren dem Plastinator verschrieben. Deshalb muss sie keinen Eintritt ins Plastinarium zahlen. Sie ist extra aus Berlin gekommen – auch, weil sie sich noch einmal ein plastiniertes Kniegelenk genau betrachten will. „Meins wird nämlich nächste Woche operiert“, erklärt sie.

Ingeborg Hager hat keine Verwandten in Berlin. „Wer sollte mein Grab pflegen?“, fragt sie. Wie sie nehmen viele der älteren Besucher gleich einen Antrag für die „Körperspende“ mit. Klara Lohwasser aus Guben beispielsweise. „Die Urne meines Mannes liegt seit sieben Jahren auf der grünen Wiese“, sagt die 70-Jährige. „Kinder haben wir nicht, also werde ich Körperspender und tue damit wenigstens noch etwas für die Wissenschaft.“

Ob sie als Schachspieler oder Ganzkörperscheibe ende, sei ihr völlig egal. „Alles besser, als unter der Erde von den Würmern zerfressen zu werden“, sagt sie und feixt: „Ich komme also auf jeden Fall wieder ins Plastinarium – todsicher.“

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