Der Tagesspiegel : „Eine von uns“

Bürger und Studenten von Frankfurt sind stolz auf die Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan – aber sie wollen nicht, dass sie weggeht

Sandra Dassler

Frankfurt (Oder). Die Eisschollen sind längst verschwunden, an der Oder scheint seit Tagen die Sonne. „Kaiserwetter“, sagen die Frankfurter, von denen es zurzeit ein paar Tausend weniger gibt. Denn die Studenten sind weg: Semesterferien an der Europa-Universität Viadrina. Dass deren Präsidentin gerade als rot-grüne Kandidatin für das höchste Amt im deutschen Staate aufgestellt wurde, haben die Absolventen trotzdem mitbekommen. „Im Internet gibt es bis nach Spanien einen regen Austausch von Artikeln“, erzählt Mirjam Reiß, die Vorsitzende der Frankfurter Studentenvertretung AStA. Ihr Kollege Tomasz Gierczak berichtet Ähnliches von polnischen Studenten: „Gesine Schwan ist bei uns sehr beliebt, sie hat sich immer ganz besonders um unsere Probleme gekümmert“, sagt der ehemalige Jura-Student: „Deshalb berichten auch alle polnischen Zeitungen über die Kandidatur.“

Für Heinz-Dieter Walter ist das Interesse an Frankfurt wegen der eher unwahrscheinlichen Wahl Schwans zur Bundespräsidentin eine willkommene Abwechslung: „Endlich mal eine positive Nachricht.“ Der Sprecher der Stadt muss sich sonst mit ganz anderen Problemen herumschlagen: das Ende der Chipfabrik, die EU-Osterweiterung und immer wieder der schlechte Ruf der Stadt. Gestern Abend erst hatte der Film „No exit“ in Frankfurt Premiere. Er behandelt – wieder einmal – die Neonazi-Szene in der Oderstadt. Nächste Woche steht „Die Kinder sind tot“ auf dem Spielplan – die wahre Geschichte einer Frau, die in Frankfurt ihre beiden Kinder verhungern ließ. „Gerade die Viadrina-Präsidentin hat viel dafür getan, dass das Image von Frankfurt besser wurde“, sagt Walter: „Sie kann sowohl mit der internationalen Wissenschaftselite umgehen wie auch mit den Frankfurter Einwohnern.“

Gesine Schwan erzählt manchmal, dass sie stolz darauf ist, „in Brandenburg nicht sofort als Wessi-Frau wahrgenommen zu werden“ und auch deshalb anerkannt zu sein. „Sie wirkt immer wie eine von uns“, sagt ein Besucher der gut gefüllten Bierkneipe am Rathaus. „Ich war am Donnerstag auch hier. Als einer erzählte, dass Regine Schwan vielleicht Bundespräsidentin wird, haben wir es erst gar nicht geglaubt.“ Inzwischen haben die Frankfurter es auch im Fernsehen gesehen – und die meisten freuen sich darüber. Das bekommt Janine Nuyken, die Vizepräsidentin der Viadrina, jetzt oft zu spüren: „Man merkt, dass die Leute stolz darauf sind“, berichtet sie: „Und gleichzeitig Angst haben, dass es doch klappen könnte.“ Ähnlich hat sich auch Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) geäußert: „Wenn Frau Schwan Bundespräsidentin würde, wäre das eine tolle Sache für Deutschland. Aber eine traurige für Frankfurt.“

„Man muss weiterdenken“, findet hingegen Krzysztof Wojciechowski. Er ist Direktor des Collegium Polonicums. Die Partnerschaftseinrichtung der Viadrina steht nur wenige Meter und eine Grenzkontrolle von der Europa-Universität entfernt – jenseits der Oder, in Slubice. Dort findet man auch jede Menge Studenten – Osteuropäer, die in Frankfurt studieren und in Slubice leben. Sie haben kein Geld, um während der Semesterferien nach Hause zu fahren. Erst vor wenigen Tagen hat sich Gesine Schwan gegen die Streichung der Stipendien für osteuropäische Studenten aus ärmeren Familen gewandt. „Es wäre doch wunderbar, wenn der Beitritt der neuen EU-Mitglieder einherginge mit einer solchen Frau als Präsidentin des größten alteuropäischen Landes“, sagte Krzysztof Wojciechowski.

Der eloquente Pole hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben mit dem süffisanten Titel: „Meine lieben Deutschen“. Auch Frau Schwan kommt darin vor. Für Wojciechowski verkörpert sie nämlich eine Mischung aus den typischen deutschen Eigenschaften wie Stärke, Pflichtbewusstsein und Konsequenz. Und aus den untypischen deutschen Eigenschaften wie Spontaneität, Mitgefühl und Unvollkommenheit. Aber so eine Bundespräsidentin, findet Wojciechowski, muss ja nicht nur typisch deutsch sein.

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