Der Tagesspiegel : Eine Welt geht unter

Riesenwellen nach einem Seebeben im Indischen Ozean töten Zehntausende – die UN sehen die größte Naturkatastrophe aller Zeiten

Ingrid Müller

Zum Ende des Jahres ist die Welt tief verwundet. An den Tagen, an denen in weiten Teilen das Fest des Friedens gefeiert wird, erreichen die ersten Nachrichten die Wohnzimmer der Feiernden, zerstören jede Ruhe: Im Indischen Ozean hat es ein Seebeben gegeben, als Epizentrum gilt die Küste vor Sumatra in Indonesien. Die Folge: Riesenwellen an den Küsten. Die verheerenden Auswirkungen dieser so genannten Tsunamis treffen die Menschen auchmehr als 1000 Kilometer entfernt in Malaysia, Thailand, Sri Lanka und Südindien, sogar in Afrika. Zunächst ist von einigen hundert Toten die Rede, doch sehr bald steigen die Zahlen der Opfer. Unaufhörlich. Tausende, zehntausend, sogar mehr als hunderttausend Tote werden befürchtet. Eine schier unvorstellbare Katastrophe.

Sie erreicht biblische Ausmaße. Selbst am letzten Tag des Jahres gibt es noch keine Gewissheit, wie viele Menschen die Riesenwellen unter sich begraben haben, wie viele Dörfer verschwunden sind, wie viele Menschen ihr Obdach verloren haben, welche Schäden angerichtet wurden.

Das Katastrophengebiet liegt von Deutschland aus gesehen am anderen Ende der Welt, aber die Ereignisse gehen den Menschen nicht nur wegen der ungeheuren Dimension des Leids besonders nahe. Die Gedanken Vieler kreisen um Angehörige – für Abertausende Menschen enden die Ferien unter Palmen mit dem Tod. Die mit dem Leben davonkommen, haben Dinge erlebt, für die sie kaum Worte finden. Während die ersten Urlauber zurückkehren und Reiseveranstalter alle Ferienflüge in die Regionen absagen, warten Angehörige in Deutschland, in Schweden, in Norwegen, in Italien – in ganz Europa und vielen anderen Ländern der Welt noch immer auf eine Nachricht. In einige Regionen gibt es noch Tage nach dem Beben keine verlässliche Verbindung. Das Auswärtige Amt, das über eine Hotline bei der Suche nach den Angehörigen hilft, stößt an seine Grenzen. Nicht nur, weil die Mitarbeiter die Menge der Anfragen kaum bewältigen können. Erst Außenminister Joschka Fischer, dann auch Kanzler Schröder, der seinen Weihnachtsurlaub abbricht, sprechen nach Tagen davon, sie rechneten mit „deutlich dreistelligen“ Totenzahlen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Tod von 26 Deutschen bestätigt. Exakte Zahlen gibt es weiter nicht.

Die Bilder, die uns erreichen, übersteigen unsere Vorstellungskraft. Kinder, die beim Spielen ins Meer gerissen wurden, Leichen, die die Strände säumen, Tote, die in Massengräbern begraben werden, Schiffe, die an Land gespült werden, Hotels die dem Erdboden gleich sind, Inseln, die verschoben wurden: Naturgewalten, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Vereinten Nationen sprechen von der „größten Naturkatastrophe aller Zeiten“. Eine internationale Hilfsaktion läuft an, angesichts der Zahl der betroffenen Länder eine bisher beispiellose Koordinierungsaufgabe. Länder rund um den Erdball beteiligen sich, zahllose Helfer machen sich auf den Weg, viele Menschen helfen mit Spenden.

Gleichzeitig beginnt eine Diskussion, ob diese großen Opferzahlen nicht hätten verhindert werden können – durch ein Flutwellenfrühwarnsystem. Das gibt es bereits rund um den Pazifik, nicht aber für den Indischen Ozean. Ein Versäumnis auch der Entwicklungshilfe? Wissenschaftler und Politiker setzen sich jetzt für den Aufbau eines solchen Systems in der Katastrophenregion in Asien ein.

Wir sind aus dem Paradies geworfen worden. Der Schock sitzt tief. Aber, so sagen Reiseveranstalter, die Angst werde bald vergangen sein. Die Menschen werden wieder dort Ferien machen, schon im nächsten Jahr. Manche haben ihren Urlaub gar nicht erst abgebrochen.

Die Menschen, die in den betroffenen Ländern zu Hause sind, werden auf Jahre hinaus unter den Folgen der Zerstörung zu leiden haben. Wie lange der Wiederaufbau dauern wird, wo er vielleicht gar nicht möglich ist, kann am Ende des Jahres noch niemand sagen.

Die Vereinten Nationen sind geübt, was den Einsatz in Krisengebieten betrifft. Doch die Aufgabe, die sich den UN jetzt stellt, ist ohne Beispiel. Viele Milliarden Dollar an Finanzhilfe sind nötig, schätzt Generalsekretär Kofi Annan. Zudem müssen Hilfslieferungen und Teams aus der ganzen Welt koordiniert werden. Vor allem aber ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn Seuchen und Infektionskrankheiten könnten weitere Zehntausende Opfer fordern.

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