Der Tagesspiegel : Einigkeit und Recht und Alltag

Draußen ist noch DDR-Putz an der Wand, drinnen freut man sich vor allem über eins: Montag ist Feiertag. „Zur Deutschen Einigkeit“ heißt die Gaststätte in Rieplos unweit der Autobahn. Ein Besuch

Claus-Dieter Steyer

Rieplos – Der Name macht neugierig. „Zur Deutschen Einigkeit“ steht da an der Fassade. Doch in dieser Gaststätte im kleinen Dorf Rieplos unweit der Autobahn zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) erinnert auf den ersten Blick nichts an die großen Ereignisse vor 15 Jahren. Einig sind sich die Gäste der Fernfahrer-Gaststätte in einem Punkt: Mit der Symbolik rund um das Einheitsjubiläum haben sie nicht viel am Hut.

Deutsche Einheit? Zwei Bauarbeiter winken beim Thema gleich ab. „Hauptsache, der Montag ist frei“, meint der ältere der beiden Männer. Sie fühlen sich offensichtlich wohl in der vertrauten Umgebung des Gaststätte. Viel hat sich in den vergangenen 15 Jahren auch nicht verändert – weder drinnen, noch draußen. An den Tischen und auf den Stühlen haben es sich Gäste schon vor Jahrzehnten bequem gemacht. Selbst die kleine Theke ist nicht verändert. Ganz dezent hängt da oben noch ein Reklameschild einer Berliner Brauerei. Für einen zu DDR-Zeiten spielenden Film bräuchte kaum etwas umgestellt oder ausgetauscht zu werden. Selbst der typische Grauputz, der überall in der kleinen Republik zu finden war, klebt noch immer an der Fassade.

„Es ist hier einfach gemütlich“, sagt ein Stammgast auf der Treppe. „Wir vom Dorf fühlen uns wohl.“ Hinter vorgehaltener Hand gibt er ein „Geheimnis“ preis, wie er sagt. So mancher fein gekleideter Besucher sei schon beim ersten Blick in den Gastraum wieder umgekehrt. Er hätte sich unter dem Namen „Zur Deutschen Einigkeit“ ein ganz anderes Haus vorgestellt. Dabei sei hier einfach nur die Zeit stehen geblieben.

Es ist ein einfaches Lokal, in dem sich Fernfahrer für 2,80 Euro ein Bauernfrühstück leisten und das Bier weniger als zwei Euro kostet. An den Wänden hängen kein Bilder vom Mauerfall, keine sonstigen Symbole, keine Fotos von einem bekannten Gast. Nur den hinteren Gastraum schmückt ein aufschlussreiches Gemälde. Es zeigt das Gasthaus mit dem Namensschild „Zur Deutschen Einigkeit“ an einem schönen Sommertag. Ausflügler sitzen an den Tischen im Biergarten oder entsteigen ihren Autos. Zur Entstehungszeit des Gemäldes muss sich der Verkehr auf der Landstraße nach Storkow und zum Scharmützelsee noch in engen Grenzen gehalten haben – heute donnern Lkw und Pkw durch Rieplos. Die Frauen auf dem Gemälde tragen Hüte und stolzieren mit Sonnenschirmen vor dem Eingang auf und ab. Die auf dem Parkplatz abgestellten Autos ähneln Oldtimern. Das kann unmöglich ein Bild von 1989 oder 1990 sein. „Die Mutter meines Mannes hatte irgendwann eine Postkarte mit dem Motiv gefunden. Ein Maler brachte es dann für uns so schön zu Papier“, erzählt die Wirtin. Die Entstehungszeit der Postkarte dürfte anhand der Autokarossen zwischen den beiden Weltkriegen gelegen haben. Auch da ging es schließlich schon um deutsche Einigkeit.

Zu DDR-Zeiten hieß das Restaurant noch „Gasthof Rieplos“. Erst nach der Wende erinnerte man sich im Familienkreis an die alte Bezeichnung und ließ sie aufleben. Mehr Publikum hat sie allerdings nicht gebracht.

Immerhin brachte es die Straße vor dem Gasthaus schon mal in die Schlagzeilen. „Todeskurve“, hieß sie 1997 in der Boulevardpresse. Mehrere Autofahrer hatten hier seit 1990 durch zu schnelles Fahren die Gewalt über ihre Fahrzeuge verloren und waren gegen Hauswände oder Bäume gerast. Der löchrige Asphalt wurde vielen zum Verhängnis.

Heute ist die Straße glatt. Trotzdem bremsen Ortskundige in trauter Einigkeit ab – die Polizei blitzt gern in Rieplos.

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