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Das Deutsche Herzzentrum feiert Jubiläum: In 20 Jahren wurde über 50 000 Patienten geholfen

Daniela Martens

Berlin - Es geschah vollkommen überraschend: Am Brandenburger Tor hörte Arsen Voskanians Herz auf zu schlagen. Im März 2005 war das: Der russische Jugendmeister im Kickboxen war in Berlin zu Besuch. Bald darauf sollte er zu seinen Eltern nach Omsk zurückfahren. Fast hätte Arsen sie nie wieder gesehen. Doch der schmale Junge, dessen Herz von einer verschleppten Erkältung so sehr geschwächt war, konnte wiederbelebt werden. Im Deutschen Herzzentrum Berlin in Wedding setzte Chefchirurg Roland Hetzer neben Arsens Herz ein Kunstherz in die Brust – eine Maschine aus gewebeverträglichem Titan, die das kranke Organ so lange unterstützen sollte, bis ein Spenderherz gefunden war.

Mehr als 50 000 Mal haben die Chirurgen des Herzzentrums Patienten wie Arsen in den vergangenen 20 Jahren am offenen Herzen operiert – das waren 3500 Operationen pro Jahr. Kunstherzen wurden eingesetzt, Spenderherzen transplantiert, Hochrisiko-Patienten Bypässe gelegt. Hinzu kommen jährlich weitere 1000 Operationen mittels anderer Techniken. 80 von 100 Patienten des Herzzentrums überleben das erste Jahr nach einer Transplantation, 50 Prozent sind nach zehn Jahren noch am Leben. Laut Barbara Nickolaus, der Sprecherin des Zentrums, sind diese Quoten überdurchschnittlich.

Heute feiert die Spezialklinik mit dem größten Kunstherzprogramm der Welt ihr 20-jähriges Bestehen. Roland Hetzer, der ärztliche Direktor des Zentrums und seine 1100 Mitarbeiter haben 550 Gäste zu einem Festakt ins Audimax des Virchow-Klinikums geladen.

Auch für Hetzer selbst ist es ein Jubiläum. Er leitet die Klinik seit ihrer Gründung 1986. Dabei hatten damals viele ein Scheitern vorhergesagt. Als „gigantische Fehlplanung“ hätten Gegner das Projekt damals bezeichnet, sagt Sprecherin Nickolaus. Manche Politiker und Mediziner kritisierten, das kleine West-Berlin brauche kein „überdimensioniertes Herzzentrum“. Der damalige Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig (CDU) hoffte jedoch, das Zentrum werde die „Berliner Medizin im positiven Sinne ins internationale Gerede bringen“.

Und dieses Vorhaben gelang: Viele prominente Patienten aus dem Ausland lassen sich in Wedding behandeln. Der ehemalige russische Staatspräsident Boris Jelzin war allein viermal dort. Der Ruf des Herzzentrums mag auch dabei geholfen haben, 2002 den Europäischen Kardiologen-Kongress in die Stadt zu holen. Schon 1988 wurde eine Klinik für Kinderkardiologie im Herzzentrum eingerichtet: Seitdem werden jedes Jahr etwa 450 Patienten mit angeborenem Herzfehler im Herzzentrum operiert. Sogar Säuglingen werden winzige Kunstherzen eingesetzt und Kindern Spenderherzen transplantiert.

Wie das Herzzentrum hat auch Arsen einen Grund zum Feiern. Am Tag vor dem Jubiläum – länger als ein Jahr nach jenem schrecklichen Tag am Brandenburger Tor – sitzt er entspannt im Sonnenschein im Brunnenhof der Klinik. Längst muss der 15-Jährige nur noch einmal pro Woche zur Untersuchung ins Herzzentrum. In seiner Brust schlägt sein eigenes Herz wieder regelmäßig. Denn im vergangenen September, nach 125 Tagen „am Kunstherz“, geschah das Unerwartete: Sein Herz erholte sich. Die Maschine konnte wieder entfernt werden. So etwas passiert sehr selten, im Herzzentrum Berlin bis jetzt nur etwa 30 Mal. Es ist ein Phänomen, das Wissenschaftler noch nicht erklären können.

Oft fühlt Arsen sich noch „ein bisschen schwach“. Trotzdem boxt er schon wieder – allerdings nur mit seinem Bruder in seinem neuen Zuhause in Mitte. Seine Familie ist nach Deutschland gekommen, um bei ihm zu sein. Wenn Arsen wieder ganz gesund ist, wollen sie zurück nach Omsk. Doch wann das sein wird, das wissen auch die Ärzte nicht. Nur eins ist leider gewiss: Seine Pläne für eine Karriere als Profi-Kickboxer muss der 15-Jährige aufgeben – so stark wird sein Herz nicht mehr.

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