Der Tagesspiegel : Einsteins kleines Paradies

Radpartie 3 zu Schlössern, Stränden und zum Medaillon der Havelkette – dem Schwielowsee. Der brachte schon Fontane ins Schwärmen. Auch Deutschlands berühmtester Physiker liebte das Licht des Gewässers. Er erlebte dort die schönsten Jahre seines Lebens

Claus-Dieter Steyer

Er hängt wie ein Medaillon an der Seenkette der Havel westlich von Potsdam: der Schwielowsee. Und schon Theodor Fontane geriet auf seinen berühmtenWanderungen durch die Mark beim Anblick des Sees ins Schwärmen. „Der Schwielow ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breitangelegten Naturen“, schrieb der Dichter und schilderte „vier Gebilde aus Menschenhand, die sich in seine Ufer kuscheln“ – die Dörfer Caputh, Ferch, Petzow und Geltow. Nichts störte die Harmonie. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert.

Gut und gerne kann man hier von Werder aus einen Tag unterwegs sein, zumal die Radpartie direkt hinein ins Paradies führt.

So empfand es eine andere Berühmtheit dieser Gegend: der Physiker Albert Einstein fühlte sich in Caputh so wohl, dass er später die Zeit in seinem Sommerhaus zu den schönsten Jahren seines Lebens zählte.1929 zog er mit seiner Familie in das Blockhaus in Hanglage am Waldrand von Caputh. Von hier waren es nur wenige Minuten bis ans Wasser. Im Templiner See, den die Havel auf ihrem Weg zum Schwielowsee vor der engen Einfahrt nach Caputh passiert, ließ der Wissenschaftler sein Segelboot zu Wasser. Das hatten ihm Freunde zum 50. Geburtstag geschenkt. Er ließ einen äußerlich nicht sichtbaren Hilfsmotor montieren, um auch auf der Havel ungestört seine geliebten „Tagträume“ zu genießen.

„Er erfreut sich an entfernten Anblicken, am Licht, an den Farben, den ruhigen Ufern und an der gleitenden Bewegung des Bootes. All dies verschafft ihm ein glückliches Gefühl von Freiheit“, schrieb sein Schwiegersohn Rudolf Kayser später. Und auch in dieser Hinsicht ist der Schwielow sich bis heute treu geblieben.

In Caputh fühlte sich der Professor auch deshalb so wohl, weil er sich hier im Gegensatz zu Berlin ungezwungen bewegen konnte. Fotos zeigen ihn auf der Terrasse oder im Segelboot meistens im Freizeitanzug aus Leinen mit ausgebeulten Hosen. So fand er am ehesten Kontakt zu den Einheimischen, denen der Mann mit dem eindrucksvollen Gesicht und dem langen grauen Haar bald ein Begriff war.

Die Begeisterung Einsteins für Caputh ist verbrieft. Sein Cousin Paul Koch fragte ihn in Frankreich, ob er Paris und die Seine nicht paradiesisch schön finden würde – und erhielt zur Antwort: „Mein Paradies befindet sich an einem Havelsee. Es besteht nur aus Holz, sandigem Boden und duftenden Kiefern. Dieses Paradies hat nur einen Mangel: Es gibt keinen Erzengel, der mit feurigem Schwert Gaffer und lästige Besucher vertreibt.“ Wegen der angestrebten Ruhe verzichteten die Einsteins auf einTelefon. In dringenden Fällen mussten die Anrufer ihr Glück bei dem in der Nähe wohnenden Töpfermeister Wolff versuchen. Der rief anfangs zu den Nachbarn hinüber, später stellte Einsteins Frau Elsa der Familie des Töpfermeisters eine Trompete zur Verfügung und schrieb ein Signalsystem auf. Jedes Familienmitglied erhielt eine bestimmte Tonlage, „einmal lang und laut“, bedeutete einen Anruf für den Hausherren.

Obwohl sich Einstein in seinem Paradies nicht stören lassen wollte, empfing er doch viele Berühmtheiten. Nobelpreisträger wie Max Born, Otto Hahn, Max Planck und Gerhart Hauptmann gehörten ebenso dazu wie Max Liebermann, Anna Seghers, Heinrich Mann oder Arnold Zweig. Und vielleicht haben sie wie die Ausflügler von heute das gar nicht aufgeregte Treiben an der Fähre zwischen Caputh und Geltow beobachtet. Den schönsten Blick bieten Bänke an der Promenade oder ein Veranda-Platz des Restaurants „Zur Fähre“.

Gern erzählt man sich hier die Geschichte vom eiligen Autofahrer, der vor einigen Jahren mit seinem Wagen in der Havel landete. Sein Navigationssystem hatte ihm statt der Fähre eine Brücke signalisiert. Er gab also Gas und fand sich im Wasser wieder. Die Fähre hielt sich zu diesem Zeitpunkt am anderen Ufer auf.

Vielleicht haben sich Einsteins Gäste aber auch in eine der einsamen Buchten des Schwielows oder des Templiner Sees verliebt. Die finden auch Radler in der Nähe der Caputher Flottstelle, rund um Ferch und auf der Halbinsel Löcknitz. Doch mancher Ausflügler entdeckt seinen Lieblingsplatz erst aus luftiger Höhe. Er braucht dafür nur auf den Petzower Kirchturm zu klettern und die herrliche Aussicht zu genießen.

Von dieser Stelle aus ist das Einsteinhaus nur zu erahnen. Außerdem sind auf dem Hügel davor neue Häuser entstanden. Selbst der so geliebte Blick von der Terrasse auf die Havel ist verbaut. Nachprüfen kann das aber seit einiger Zeit kein Besucher mehr. Das Holzhaus wird von der Hebräischen Universität Jerusalem zu einer Begegnungsstätte für Wissenschaftler umgebaut.

Einstein verließ sein Paradies im Dezember 1932. Da brach er in die USA auf und kehrte nach dem Machtantritt der Nazis nie wieder nach Deutschland zurück.

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