Der Tagesspiegel : Eintritt in die Geschichte

In der Gedenkstätte Sachsenhausen wurde das neue Besucher-Informationszentrum eröffnet

Claus-Dieter Steyer

Oranienburg. In der Gedenkstätte Sachsenhausen ist am gestrigen Mittwoch ein weiterer Schritt bei der Neugestaltung dieses Ortes der Erinnerung an die Schrecken der NS-Diktatur vollendet worden. Nach anderthalbjährigen Bauarbeiten öffnete in der ehemaligen SS-Waffenmeisterei des Konzentrationslagers in Anwesenheit von Überlebenden des Lagers ein Informationszentrum für die Besucher. Es soll für sie die erste Anlaufstelle sein, da hier die vielschichtige Geschichte des Lagers dargestellt wird. In dem Gebäude gibt es mehrere Seminarräume. Auch befindet sich hier ein Buchladen.

Mit der Eröffnung des Info-Zentrums werden die Besucher das KZ-Gelände nach Abschluss einiger letzter Arbeiten wieder über die historische Lagerstraße betreten. Zu DDR-Zeiten war der Eingang verlegt worden, da die ehemaligen SS-Kasernen von der NVA genutzt wurden. Nun kann der Leidensweg der Häftlinge – vorbei an den Kasernen und direkt auf den zentralen Wachturm A mit dem zynischen Spruch „Arbeit macht frei“ zu – nachvollzogen werden. Vor dem Info-Zentrum steht ein großes Bronzegussmodell des Lagers; es erklärt das rund 40 Hektar große Gelände mit den Ausstellungen und Museen.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss erinnerte in ihrer Eröffnungsrede an einen beeindruckenden Fund während der Umbauarbeiten der ehemaligen Waffenmeisterei: Beim Abbruch einer Zwischenwand stieß vor fast genau einem Jahr ein Maurer auf eine Flaschenpost, die am 19. April 1944 zwei Häftlinge unter den Augen ihrer Peiniger versteckt hatten. Das teilweise zerbrochene Gefäß enthielt bedrückende Nachrichten. Anton Engermann, schon 1933 als Kommunist verhaftet und 1937 ins KZ Sachsenhausen verschleppt, schrieb: „Nach der Heimat möchte ich wieder. Wann sehe ich meine Lieben in Frechen-Köln mal wieder. Mein Geist ist trotzdem ungebrochen. Bald muss es besser werden.“ In der Flasche steckte auch die Notiz des polnischen Häftlings Tadeusz Witkowski, der unter anderem sein Einlieferungsjahr 1940 auf einem Zettel notierte. Beide Insassen erlebten tatsächlich die Befreiung des Lages 1945. Engermann kehrte zu seiner Familie in Köln zurück, Witkowski emigrierte nach Übersee, wo sich seine Spur verlor.

Eine Ausstellungsvitrine dokumentiert diese Flaschenpost und die Lebensgeschichten ihrer Urheber. Es sei wichtig, jene Relikte am authentischen Ort des Verbrechens zu bewahren, sagte die Kulturstaatsministerin. „Sie legen auch dann Zeugnis von der Geschichte ab, wenn man keine Zeitzeugen mehr finden kann, die uns Rede und Antwort stehen.“ Ohne den authentischen Ort könne das Gedenken an den Nazi-Terror – aber auch an die Diktatur und die Verbrechen der DDR – keine sichere Zukunft haben. Seit der Gründung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vor mehr als zehn Jahren hätten Bund und Land rund 16 Millionen Euro für die Sanierung der historischen Stätten beigesteuert. Das Besucherzentrum kostete etwa 2,5 Millionen Euro, von denen die Bundesagentur für Arbeit allein 500 000 Euro für ABM bereitstellte. Das modern gestaltete und mit den neuesten technischen Möglichkeiten ausgestattete Gebäude unterstreicht den Wandel in Sachsenhausen vom ausschließlichen Ort der Trauer und des Gedenkens hin zur Stätte für Information und Geschichtsunterricht. „Alles ist mit den Organisationen der ehemaligen Häftlinge abgestimmt“, unterstrich Gedenkstättendirektor Günter Morsch.

Während der Zeit des sowjetischen Speziallagers zwischen 1945 und 1950 diente die Waffenmeisterei als Lebensmittellager. Die 1990 aufgelöste NVA richtete hier einen Laden für Offiziere und Soldaten ein.

Das Besucherzentrum ist täglich von 8.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die Gedenkstätte befindet sich am Ende der Straße der Nationen und ist vom S-Bahnhof Oranienburg in einem 20-minütigen Fußweg zu erreichen. Auskünfte unter Telefon 03301/2000, im Internet: www.gedenkstaette-sachsenhausen.de

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