"Eiskalter Mord" : Israelische Soldaten sollen willkürlich gegen Zivilisten vorgegangen sein

Soldaten der israelischen Armee haben die Öffentlichkeit mit Aussagen über wahlloses Töten von Zivilisten und mutwillige Zerstörung während des jüngsten Gaza-Kriegs schockiert. Die Vorgesetzten sollen sie zu ihrem Verhalten ermutigt haben.

Martin Gehlen
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Im Einsatz. Israelische Soldaten im Januar bei der Rückkehr aus dem Gazastreifen. Einige Soldaten schilderten bei einem...Foto: dpa

KairoGeplant war eine Routineveranstaltung. Einige hundert künftige Rekruten hatten sich zu einem Vorbereitungslehrgang in der Oranim-Militärakademie in Tivon nahe der israelischen Hafenstadt Haifa eingefunden. Die Altgedienten sollten sie ein wenig auf den Soldatenalltag einstimmen. Doch was sie dem Nachwuchs dann vorsetzten, ließ allen im Saal den Atem stocken. Palästinensische Zivilisten seien während des jüngsten Gaza-Kriegs wahllos getötet und viele Häuser mutwillig zerstört worden, erfuhren die geschockten Neulinge. Die Kampftruppen hätten sich offenbar ermächtigt gefühlt, „schrankenlose Gewalt gegen Palästinenser einzusetzen“, sagte Akademiedirektor Dany Zamir, der die Protokolle in einem Informationsblatt für frühere Absolventen veröffentlichte.

Vier Wochen später kamen mit „Haaretz“ und „Maariv“ nun zwei große Zeitungen mit den Geständnissen heraus und kündigen weitere Enthüllungen an. So berichtete einer der Infanteristen, eine ältere Palästinenserin sei in 100 Metern Entfernung von einer israelischen Stellung erschossen worden. „Ich weiß nicht, ob sie verdächtig war oder nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass mein Offizier Leute auf das Dach schickte mit dem Befehl, sie abzuknallen“, sagte er. „Es war ein eiskalter Mord.“ Ein Truppführer berichtete, wie ein Scharfschütze eine Mutter und ihre beiden Kinder tötete, weil sie einen Befehl missverstanden hatte und beim Verlassen ihres Hauses versehentlich nach rechts statt nach links abbog. „Ich glaube nicht, dass er sich besonders schlecht fühlte, weil er aus seiner Sicht nur nach den Vorschriften handelte.“ Das generelle Klima sei gewesen, gab der Soldat zu Protokoll, „dass das Leben von Palästinensern sehr, sehr viel weniger wert ist als das Leben unserer Soldaten.“

Bis heute gibt es nicht ein einziges Ermittlungsverfahren

Beim Stürmen von Häusern, in denen sich Zivilisten aufhielten, hätten Soldaten häufig wahllos und ohne Vorwarnung um sich geschossen. „Die Vorgesetzten sagten uns, dies sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist ist“, erzählte ein anderer. „Ich habe das nicht verstanden – wohin hätten sie denn fliehen sollen?“ Andere Kameraden hätten ihm gesagt, man müsste alle töten, „weil jeder Mensch in Gaza ein Terrorist ist“. Teile der israelischen Öffentlichkeit reagierten auf die Enthüllungen entsetzt. Die Organisation Rabbiner für Menschenrechte sprach von einem „moralischen Tsunami“. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak erklärte im Rundfunk, die geschilderten Vorfälle würden untersucht, nahm die Armee aber in Schutz: „Sie ist die moralischste der Welt – aber natürlich gibt es Ausnahmen.“

Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din kritisierte, dass es bis heute nicht ein einziges Ermittlungsverfahren gebe. Dabei existierten inzwischen Hunderte von Zeugenaussagen, die den Verdacht begründen, dass internationales Recht verletzt und Kriegsverbrechen begangen wurden. Erst am Montag hatten 16 Juristen und Menschenrechtler in einem Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangt, die Verbrechen in Gaza müssten von einer unabhängigen Kommission untersucht werden. Zu den Unterzeichnern des Schreibens mit dem Titel „Die Wahrheit über den Gazakrieg herausfinden“ gehören neben Südafrikas Nobelpreisträger Bischof Desmond Tutu auch die frühere UN-Flüchtlingskommissarin Mary Robinson und Richard Goldstone, ehemaliger Chefankläger am Jugoslawien-Tribunal in Den Haag. Zuvor hatte sich Human Rights Watch mit einem ähnlichen Schreiben an die EU-Außenminister gewandt. Ihre Fachleute werden von Israel daran gehindert, in den Gazastreifen einzureisen, um ihre Untersuchungen fortzusetzen.