EM-Halbfinale : Deutsch-türkisches Fanfest überall

In ganz Deutschland haben Fans den Einzug der deutschen Mannschaft in das EM-Finale gefeiert. Obwohl die Türkei im Spiel gegen die Nationalelf unterlag, feierten Türken und Deutsche ausgelassen gemeinsam. Doch nicht überall blieb es friedlich.

Fanfest
Deutsche und türkische Fans feierten an vielen Orten gemeinsam. -Foto: dpa

BerlinNach dem 3:2-Sieg der deutschen Nationalelf über die Türkei bei der Fußball-EM haben hunderttausende Fußballfans in Deutschland ausgelassen gefeiert. Bis zum frühen Donnerstagmorgen gab es in vielen Städten Autokorsos und Feuerwerke. Allein auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor in Berlin hatten sich rund eine halbe Million Menschen versammelt. Vielerorts feierten Deutsche und Türken gemeinsam. Vereinzelt kam es aber auch zu Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans.

Zu schrillen Pfeifkonzerten kam es bei zahlreichen Public-Viewing-Veranstaltungen, als ein Stromausfall im internationalen Fernsehzentrum der EM in Wien die Übertragung in der zweiten Halbzeit weltweit minutenlang unterbrach. Erst als das ZDF die Übertragung vom Schweizer Fernsehen übernahm, konnten die deutschen Zuschauer die Begegnung im Bild weiterverfolgen. Zwischenzeitlich hatte Live-Kommentator Béla Réthy per Telefonleitung vom Spiel berichtet.

Deutsch-türkische Autokorsos auf dem Ku'damm

Auf der mit 1,2 Kilometer längsten Fanmeile Europas in Berlin lagen sich die Fans nach dem Abpfiff des Spiels in den Armen. Enttäuschte türkische Fans wurden von Anhängern der DFB-Elf aufgemuntert. Auf dem Kurfürstendamm in Charlottenburg und in Kreuzberg bildeten sich nach dem Abpfiff lange Autokorsos mit deutschen wie türkischen Fans. In Kreuzberg verhinderte die Polizei nach eigenen Angaben eine Massenschlägerei. In der Adalbertstraße am Kottbusser Tor war es nach dem Spiel zwischen rund 150 Kurden und 250 Anhänger der türkischen Mannschaft zu Streit gekommen, wie ein Sprecher am Donnerstag mitteilte. Die Einsatzkräfte seien jedoch in der Nähe gewesen und hätten die Konfliktparteien getrennt. 

Die übergroße Mehrheit der Berliner habe friedlich und ausgelassen gefeiert, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstagmorgen. 80 Personen seien festgenommen worden, unter anderem wegen Sachbeschädigung oder Körperverletzung. Insgesamt seien 40 Anzeigen aufgenommen worden. Dabei ging es den Angaben zufolge um Sachbeschädigung, Widerstand gegen Polizisten oder Diebstahl. Für ein so großes Fan-Ereignis sei die Bilanz „absolut positiv“, sagte der Sprecher. Die zwischenzeitlich Festgenommenen seien noch in der Nacht wieder entlassen worden.

In der Nacht seien 16 Menschen verletzt worden, fügte der Sprecher hinzu. Einige hätten sich verletzt, als sie versuchten, die Zäune der Fanmeile zu überwinden. Diese war schon eine Stunde vor Spielbeginn gesperrt worden, weil sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine halbe Million Menschen dort versammelt hatte.

Flaschen und Steine fliegen

Auch in Nordrhein-Westfalen bildeten sich in vielen Innenstädten spontan Autokorsos. Die Polizei zeigte vorsorglich starke Präsenz, Konfrontationen zwischen den Fangruppen blieben aus. Allerdings nahm die Polizei vor allem wegen Trunkenheit einige Dutzend Fans vorübergehend fest.

Im münsterländischen Ahlen warfen Jugendliche Steine auf hupende Autos. Ein Fahrzeug wurde getroffen, die drei Insassen - eine 35-jährige Fahrerin und zwei 14-jährige Jungen - durch Glassplitter verletzt. In Hamm erlitt ein 27-jähriger Wachschutzmitarbeiter durch einen Schlag mit einer Flasche auf den Kopf Verletzungen.

Auf dem Kölner Innenstadtring feierten nach Polizeiangaben 30.000 Fans, 21 wurden festgenommen. Der Ring musste teilweise gesperrt werden. Auch in Dortmund waren 30.000 Fans auf den Beinen. Dort kamen 19 Personen in Polizeigewahrsam.

Frankfurt und Hamburg weitgehend friedlich

In München strömten rund 100.000 deutsche wie türkische Fans auf die Leopoldstraße, die ebenfalls teilweise gesperrt wurde. Autokorsos fuhren hupend durch die Seitenstraßen.

In Frankfurt am Main sahen gut 6000 Fußballfans einträchtig das Halbfinale auf der Video-Wand Am Roßmarkt. Über 1000 von ihnen hielten zu ihrem Heimatland am Bosporus. Im "Türkischen Volkshaus" gesellten sich zu Türken und Deutschen auch Kurden hinzu. Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg feiern 42.000 Fans weitgehend friedlich. Nach dem Spiel zogen Fans singend auf die Reeperbahn. Als 50 bis 60 Türken und Deutsche aufeinander losgingen, trennte die Polizei die Streithähne.

Ausländerfeindliche Ausschreitungen in Dresden

In der Dresdner Neustadt warfen Unbekannte die Scheiben von drei Dönerläden ein und zerstörten Inneneinrichtungen. Zwei Ladeninhaber wurden verletzt. Beteiligt waren laut Polizei 20 bis 30 angetrunkene Jugendliche, die nach der Tat sofort unerkannt flüchteten.

In Mainz wurde die friedliche Feier von rund 5000 Fans nur durch vereinzelte Randalierer gestört. In drei Fällen musste die Polizei bei Schlägereien eingreifen. Dabei wurde ein Beamter mit Feuerwerkskörper beschossen. Acht Männer wurden festgenommen.

Polizeieinsätze in Baden-Württemberg

In Stuttgart kam es am Rande der insgesamt friedlichen Feier von rund 70.000 Fans ebenfalls zu kleineren Streitereien. Rund 30 Personen kamen vorübergehend in Gewahrsam. Bei einem Autokorso auf dem City-Ring nahmen laut Polizei rund 1500 Fahrzeuge teil.

Auf der Heilbronner Theresienwiese fanden sich bis zu 12.000 Fußballfreunde ein. Nach Flaschenwürfen drohte die friedliche Stimmung zwischen deutschen und türkischen Fans zu kippen. Erst als die Polizei mit starken Kräften anrückte, beruhigte sich die Lage. (ut/ddp)