Der Tagesspiegel : Endspurt vor der Wahl: Schönbohm: Berliner CDU fehlt "Kampfesmut"

Thorsten Metzner

Potsdam. Kann es sein, dass die versammelten CDU-Ressortchefs und Spitzenfunktionäre der märkischen Union leicht zusammenzuckten? Niemand hatte sich verhört: "Der Kampfesmut der Berliner CDU ist nicht sehr ausgeprägt." Die deutlichen Worte hat CDU-Landeschef Jörg Schönbohm soeben gesagt - und damit den Wahlkampf seiner Parteifreunde in der Hauptstadt kritisiert.

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Und der ehemalige Innensenator mit immer noch exzellenten Kontakten nach Berlin weiß schon, wovon er spricht. Auch aus der Praxis, wo er selbst eine Vielzahl von Wahlkampfauftritten absolviert und offensichtlich die wegen der trüben Wahlaussichten verzagten Parteikollegen erlebt hat. In Berlin gebe es, auch hier schließt der Ex-General die eigene Partei ein, nur einen "Wahlkampf der Unklarheiten und Schleierwolken", so Schönbohm. "Ich befürchte, dass der Sonntagabend für die CDU schwierig sein wird." Den Namen Frank Steffel erwähnt er erst gar nicht.

Diese Töne wirken wie verkehrte Welt - gerade an diesem Montag, an dem die märkische CDU in der Parteizentrale vis-à-vis von Stolpes Staatskanzlei ihre zweijährige Regierungsbilanz in Brandenburg präsentiert und alle CDU-Minister stolz ihre eigene Arbeit loben: Polizei- und Gemeindereform angepackt, SPD zur Bildungsreform gezwungen, mehr Geld für Hochschulen, keine Ausbrüche aus Gefängnissen mehr. Wer hätte noch vor zwei, drei Jahren gedacht, dass ausgerechnet die Brandenburger Union zugleich mitleidig zu den inzwischen durch die "ruchlose SPD" (Schönbohm) auf die Oppositionsbank geschickten Berliner Parteifreunden hinüberschauen muss? Mancher erinnert sich noch daran, dass auch Spott und Häme aus der Berliner CDU zu hören war, als Schönbohm 1998 in die Diaspora ging, den "zerstrittenen Haufen" brandenburgischer Christdemokraten übernahm, um ihn dann sehr erfolgreich gegen die Alleinherrschaft der SPD zu führen.

Kein Wunder, dass die Antwort wie aus der Pistole geschossen kommt, als der CDU-Chef gefragt wird, ob der Kampfesmut der Berliner Union bei einem CDU-Spitzenkandidaten Schönbohm größer wäre. "Davon können Sie ausgehen", so Schönbohm. Und das ist gar nicht nur theoretisch gemeint: Dass bei der turbulenten Kandidatenkür in Berlin hinter den Kulissen auch ein Wechsel des Brandenburger Innenministers ernsthaft zur Diskussion stand, ist kein Geheimnis. CDU-Bundespolitiker hatten nicht nur bei ihrem ehemaligen Vorsitzenden Wolfgang Schäuble, sondern auch bei Schönbohm angeklopft: Der fühlte daraufhin bereits bei Stolpe vor, deutete an, dass er bei einer offiziellen Anfrage der Berliner Union womöglich einwilligen werde, um ein SPD-PDS-Bündnis in Deutschlands Hauptstadt verhindern zu helfen. Die offizielle Anfrage kam allerdings nie, da sich die Berliner CDU für Steffel entschied.

Ein Weggang Schönbohms freilich hätte, was in der CDU-Spitze niemand bestreitet, die Landespartei vor gewaltige Probleme gestellt. Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht. Mangels Alternativen sah sich Schönbohm, der sich gerade für eine Fortsetzung der Großen Koalition ausgesprochen hat, bereits bemüßigt, seine erneute Spitzenkandidatur im Jahre 2004 anzukündigen.

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