Energie : Neckermann macht Biodiesel möglich

Die weltgrößte Biodiesel-Anlage geht in Sachsen-Anhalt an den Start. Die Anlage deckt den gesamten Wertschöpfungsprozess von der Saatgutannahme bis zur Biodieselgewinnung ab. Die Investoren sind trotz Marktturbulenzen optimistisch.

Henrik Mortsiefer

BerlinIn Sachsen-Anhalt ist am Freitag die größte integrierte Biodiesel-Raffinerie Europas eröffnet worden. Mit einer Produktionskapazität von 200 000 Tonnen jährlich ist die Anlage in Piesteritz, die über eine eigene Rapsmühle verfügt, sogar die weltweit größte ihrer Art. In das Werk und die Mühle wurden einschließlich der Entwicklung 85 Millionen Euro investiert, bis Ende September sollen dort 130 Mitarbeiter beschäftigt werden. Die Investition wurde nach Informationen dieser Zeitung mit insgesamt 32 Millionen Euro gefördert.

Sachsen-Anhalt trägt 16 Prozent zur deutschen Biodieselproduktion bei. Mit 5,2 Millionen Tonnen Raps steuert das Land zehn Prozent der bundesweiten Jahresernte bei. Das von einer Koalition aus SPD und CDU regierte Bundesland ist führend beim Anbau und der Verwendung nachwachsender Rohstoffe.

Der Betreiber der Raffinerie in Piesteritz, die Neckermann Renewables Wittenberg GmbH, deckt in der neuen Anlage den gesamten Wertschöpfungsprozess von der Saatgutannahme bis zur Biodieselgewinnung ab. Die Gesellschaft ist Teil der Gate-Gruppe, die bereits Raffinerien in Halle und Enns (Österreich) besitzt. Die Familie Neckermann hält 35 Prozent an Gate, 65 Prozent liegen bei der börsennotierten Fortune Management Inc. (FMI). „Wir könnten theoretisch jedes Jahr die gesamte Rapsernte Sachsen-Anhalts in der neuen Anlage verarbeiten“, sagte FMI-Chef René Müller dem Tagesspiegel am Freitag. Die Rapsmühle werde ihren Rohstoff aus einem Umkreis von maximal 100 Kilometern beziehen und habe sich durch Sieben-Jahres-Verträge langfristig abgesichert.

 Branchenexperten warnen davor, dass der Biodieselbranche in Deutschland der Rohstoff ausgehen könnte, weil es nicht genügend heimische Anbaufläche gibt. Allein 2006 wurden 1,4 Millionen Hektar Raps angebaut – 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Wir haben keinen Engpass“, sagte hingegen FMI-Vorstand Müller. Auch der schrittweise Abbau von Steuervorteilen (siehe Kasten) für Biodiesel macht den Betreibern der neuen Anlage keine Sorgen. Der Verband der Biokraftstoffindustrie hatte unlängst vor einem Kollaps des Absatzmarktes gewarnt, sollten die Steuersätze nicht an die wirtschaftliche Lage der Hersteller angepasst werden. „Die aktuellen Probleme auf dem Biodieselmarkt resultieren fast ausschließlich aus dem Bereich des reinen Biodiesels (B 100)“, sagte Müller dem Tagesspiegel. „Mit dem Ende der Steuerfreiheit ist es für die Spediteure nicht mehr rentabel, reinen Biodiesel zu tanken.“ Die Anlage in Piesteritz produziere aber ausschließlich für den nach wie vor attraktiven Markt handelsüblicher Dieselkraftstoffe (B 5), der mit Raten von rund fünf Prozent pro Jahr wachse. „Wir liefern zu 100 Prozent an große Mineralölkonzerne, darunter fünf der sechs Ölmultis“, sagte Müller. Unter den Herstellern von reinem Biodiesel werde es wegen der veränderten Rahmenbedingungen in diesem und im kommenden Jahr zu einer „dramatischen Marktbereinigung“ kommen, glaubt der FMI-Chef. Von 30 Herstellern würden am Ende nur vier oder fünf übrig bleiben.

Die Investition in Sachsen-Anhalt soll sich von Beginn an lohnen. „Mit der Anlage können wir beweisen, dass auch unter den schwierigen Marktbedingungen mit Biodiesel vernünftige Renditen erwirtschaftet werden können“, sagte Gate-Geschäftsführer Dieter Heisig.