England : Die Aufstellung bestimme ich

Für viele Fußball-Begeisterte auf der Insel ist die Kommerzialisierung ihres Sports ein rotes Tuch. Jetzt haben sich Fans einfach einen Fußballklub gekauft.

Mathias Klappenbach

BerlinHätte Ottmar Hitzfeld nicht anders rotieren lassen und Miroslav Klose statt Lukas Podolski gegen Stuttgart aufstellen sollen? Warum spielt Hertha jetzt eigentlich nur noch mit einem Stürmer? So kann das ja nichts werden. Und unser Stadion nach einem Sponsor zu benennen, kommt überhaupt nicht infrage.

Fußballfans haben es nicht leicht, und ihre Einflussmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Außer bei Ebbsfleet United. Der Klub aus der fünften englischen Liga hat ab sofort 20 000 Besitzer und Manager, die basisdemokratisch über alles entscheiden: die Aufstellung am Wochenende, die Transfers, das Budget, die strategischen Entscheidungen für die Zukunft des Klubs. Das Projekt „myfootballclub“ ist revolutionär und einzigartig in der Geschichte des Fußballs.

„Wir haben mit neun Vereinen gesprochen und glauben, dass Ebbsfleet die ideale Wahl ist. Wir hoffen, dass die Mitglieder von ,myfootballclub‘ und die Leute, die Ebbsfleet United unterstützen, gemeinsam am nachhaltigen Erfolg arbeiten werden“, sagt Will Brooks. Der ehemalige BBC-Journalist hatte das ambitionierte und professionell organisierte Projekt vor einigen Monaten initiiert, mit der Übernahme sind auch die Fans von Ebbsfleet einverstanden. Für 35 Pfund Jahresgebühr erhält jeder der Besitzer-Manager eine Stimme für alle anstehenden Entscheidungen, die per Internet und Mehrheitsentscheidung getroffen werden. „Als Fußballfan finde ich die Idee von ,myfootballclub‘ fantastisch. Und als Trainer freue ich mich auf die Herausforderung, zusammen mit tausenden Mitgliedern eine erfolgreiche Mannschaft zu formen“, sagt Liam Daish, der die Mannschaft weiterhin leiten wird. Er glaubt nicht, dass sich seine tägliche Arbeit sehr ändern wird. „Was auf dem Trainingsplatz und in der Kabine passiert, bleibt weiter in meiner Hand.“ Allerdings – so wird es in der Praxis wohl aussehen – wird Daish im Internet wöchentlich einen Zustandsbericht seiner Mannschaft als Entscheidungsgrundlage für die stolzen neuen Besitzer, die aus aller Welt kommen, geben.

Die Mitglieder haben sich aus verschiedenen Motiven einen Klubanteil gekauft. In der Premier League gehören die meisten Klubs Großinvestoren, viele Fans haben sich von der Kommerzialisierung abgewandt. Und die Idee des Projekts hat auch einen soziologischen Hintergrund. Er basiert auf dem Buch „wisdom of crowds“, das Prozesse beschreibt, in denen die Entscheidungen einer Gruppe zu besseren Ergebnissen führen als die Einzelner.

Neben den Informationen des Trainers möchten die Mitglieder mehr Input bekommen, deshalb gehört zu den ersten Aufgaben der neuen Manager die Entscheidung darüber, wie und mit welchem Aufwand die Spiele im Internet übertragen werden. Eine große Rolle spielt auch die Benutzeroberfläche, mit deren Hilfe die Entscheidungsprozesse in diesem realen Managerspiel getroffen werden. Für den Computerspielehersteller EA Sports ist es für seine Managerspiele sicher gut zu wissen, welche Einflussmöglichkeiten die Manager gerne hätten, er gehört bereits zu den Unterstützern des Projekts. Auch für andere Sponsoren dürfte es interessant sein, sich an dem gleichzeitig traditionalistischen und sehr modernen Projekt zu beteiligen. Ob und welche Sponsoren aber dabei sein dürfen, wird natürlich per Abstimmung entschieden.

Die durch die Mitgliedsbeiträge eingenommenen 700 000 Pfund sollen in die Verstärkung der Mannschaft investiert werden – schließlich soll der Klub schon in dieser Saison in die vierte Liga aufsteigen und langfristig noch deutlich weiter nach oben kommen. Mit einem alten Stadion, das derzeit 5248 Zuschauer fasst. Und für den Besitzer, der auch in der Realität vorbeischauen will, gab es gestern auch eine Anfahrtsbeschreibung fürs Auto und mit dem Zug.

www.myfootballclub.co.uk