Der Tagesspiegel : Entlaufene Wildkatze: Der Löwe ist die Jäger los

Katja Füchsel

Der Schrecken im Dorf ist den Witzen gewichen. Am Mittwoch noch verfolgte Hans-Joachim Bölk besorgt die Hubschrauber über seinem Dorf. Ängstigte sich um seine Schafe, Pferde und 50 Gänse. Heute sitzt der Gärtner lächelnd vor seinem Bier im Café "See-Idyll" in Krummensee. Dann steht der 53-Jährige auf, greift zur Kreide. "Wir bieten an: Heute Löwensteak frisch", schreibt er an die Tafel.

Den Glauben an den freilaufenden Löwen hat inzwischen offenbar auch die Polizei verlassen. Am Morgen flog sie noch einige Runden über die Wälder bei Schenkendorf, dann stellte sie die Suche nach dem vermeintlichen Raubtier ein. "Auch die Suche am Boden wird vorerst nicht wieder aufgenommen", heißt es im Potsdamer Präsidium. Den beiden Anwohnern, die am Mittwoch unabhängig von einander das Tier durch die Gegend haben streifen sehen, gibt die Polizei keine Schuld: Ihre Befragung habe die "absolute Glaubwürdigkeit" ergeben. Außerdem hätten Nachbarn in der darauffolgenden Nacht "undefinierbares Tiergebrüll" vernommen.

Doch was den Ermittlern im Löwen-Fall zum festen Glauben fehlt, ist gewissermaßen eine fehlende Raubkatze: Kein Tierheim, Zirkus oder Löweninhaber hat sein Tier inzwischen vermisst gemeldet. Zudem haben die 85 Beamten, die Spezialkräfte und das gute Dutzend Feuerwehrleute bei ihrer fünfstündigen Suche im Wald nicht eine Löwenspur im Sand gefunden. Dort hatten nur Wildschweine und Hunde ihre Fährten hinterlassen. Die Polizei ist ratlos, in Krummensee erhält man hingegen für alles eine Antwort. "Der Löwe hat wahrscheinlich Strümpfe an", witzelt ein Spaziergänger.

Die letzten Kameraleute sind aus dem idyllischen Dorf kurz hinter Königs-Wusterhausen bereits am Vormittag abgerückt. Und deshalb bleibt jetzt der Gag von Hans-Joachim Bölk mit dem Löwensteak weitgehend unbemerkt. Die Dorfstraße liegt erneut verlassen da. Ein Hausbesitzer wäscht seinen Wagen vor dem Haus, zwei Mädchen laufen zum Schwimmen - sonst nichts. Die meisten Nachbarn haben sich im Dorf ohnehin schon morgens auf ihre Version geeinigt: "Die Beiden haben einen freilaufenden Schäferhund gesehen", sagen die Männer im "See-Idyll". Aus 100 oder 50 Meter Entfernung, da könne man sich schließlich schon mal irren.

Also können sich die Besucher von Krummensee wieder voll der Idylle widmen. Sich auf eine schattige Bank am See setzen, um ein wenig zu dösen und die Gedanken schweifen zu lassen. Doch Moment: Schimmert es da nicht gelb im Schilf? Bewegt sich etwas oder ist es nur der Wind? Und diese Welle im See, viel zu groß für einen Fisch. Da wird doch nicht...

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