Der Tagesspiegel : Entscheidung über Revision im Hetzjagd-Prozess Verurteilte und Angehörige des toten Algeriers fochten Urteile an

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Guben/Potsdam. Dreieinhalb Jahre ist es her, als der algerische Asylbewerber Farid Guendoul in Guben auf der Flucht vor rechten Jugendlichen ums Leben kam. Der 28-Jährige, der dort unter dem n Omar Ben Noui lebte, sprang in Panik durch die Glasscheibe einer Haustür und verblutete an seinen Schnittverletzungen. Im Prozess gegen elf Angeklagte verhängte das Landgericht Cottbus im November 2000 Jugendhaftstrafen bis zu drei Jahre ohne Bewährung.

Am heutigen Mittwoch entscheidet der fünfte Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Leipzig, ob das so genannten Hetzjagd-Verfahren neu aufgerollt werden muss. Auf dem Prüfstand steht ein Urteil, das gleich nach der Verkündung umstritten war. Von den Angeklagten, die zur Tatzeit zwischen 17 und 20 Jahre alt waren, wurden nur acht der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden. Politiker bewerteten die Strafen als zu milde. Dagegen warfen Anwälte den Medien und Politikern vor, ein Zerrbild von den Ereignissen zu malen. Sie stritten auch rassistischen Motive ihrer Mandanten ab.

Die Berliner Anwältin Christina Clemm, die die Hinterbliebenen in der Nebenklage vertritt, sagt: „Wir hätten uns eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge gewünscht.“ Die Angeklagten hätten nicht fahrlässig gehandelt. Clemm will erreichen, dass die Tat durch einen neuen Schuldspruch mit höheren Strafen strenger gewertet wird. Dass der BGH die beantragte Revision nicht gleich schriftlich verwarf, sondern mündlich verhandelt, wertet sie bereits als positives Zeichen.

Auch die Anwälte der meisten Beschuldigten legten Revision ein – allerdings, um ein geringeres Strafmaß zu erreichen. So meint Helmut Dittberner, seinem Mandanten sei nicht direkt eine Schuld nachzuweisen. Er wurde zu drei Jahre Haft ohne Bewährung verurteilt. Sein Kollege Uwe Hartung sieht ebenfalls keine fahrlässige Mittäterschaft: „Es gab hier keinen gemeinsamen Tatbeschluss.“ Hartungs Schützling ist einer der mutmaßlichen Rädelsführer. Er wurde zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Der heute 23- Jährige fiel seitdem durch weitere Gewalttaten auf und sitzt deshalb nach Angaben seines Anwalts wieder in U-Haft.

Zur jetzigen Verhandlung werden voraussichtlich auch die beiden Brüder des Toten Farid Guendoul aus Algerien nach Leipzig kommen, wie Kay Wendel von der Opferperspektive in Potsdam sagt. Eine Spendenaktion brachte rund 40 000 Euro ein; mit etwa der Hälfte des Geldes wird die Revision bezahlt. Sollten die Angeklagten aber mit geringeren Strafen davonkommen, wäre das den Hinterbliebenen kaum zu vermitteln. dpa

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