Der Tagesspiegel : Entspannung, keine Entwarnung

Auch wenn der Elbpegel sinkt, besteht die Gefahr von Deichrissen / Schönbohm befürchtet Fischsterben

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Von Thorsten Metzner

Wittenberge/Potsdam. Offiziell will noch niemand Entwarnung geben, denn die Gefahr von Deichbrüchen ist noch nicht gebannt. Trotzdem stehen im Hochwassergebiet die Zeichen spürbar auf Entspannung: In Wittenberge pegelte sich der Wasserstand der Elbe am Donnerstag auf rund sieben Meter ein. Er liegt fast eineinhalb Metern unter der Deichkrone.

Auch die Zahl der Sickerstellen hält sich in Grenzen, sagte Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes, gestern dem Tagesspiegel. Dies gelte nicht nur an den 50 Kilometer sanierten Deichen in der Prignitz, sondern selbst am besonders gefährdeten Bösen Ort. Messflüge von Bundeswehrtornados, die mit einem Spezialluftbildverfahren die Deiche fotografierten, habe deren guten Zustand bestätigt. In Mühlberg wurde gestern der Krisenstab wieder aufgelöst.

Dass nach rund einer Woche Hochwasser in der Prignitz bislang so wenige Sickerstellen festzustellen sind, sei ein „gutes Zeichen“, sagte Freude. „Beim Oderhochwasser hatten wir da längst größere Probleme.“ Generell sei der Zustand der Elbdeiche durch die tonigeren Böden besser als an den sandigen Oderdeichen. Entwarnung könne jedoch erst gegeben werden, wenn der Pegel unter sechs Metern liege, sagte Innenminister Jörg Schönbohm in Potsdam. Aber: „Der Optimismus wächst.“ Bislang waren vorsorglich 2900 Menschen aus 36 Ortschaften evakuiert worden. Schönbohm sagte, dass die Öffnung der Havel-Wehre „die richtige Entscheidung“ gewesen sei. Dadurch habe die Flutwelle an ihrem höchsten Scheitel in Havelberg um 45 Zentimeter gesenkt werden können – was sich in der Prignitz noch mit rund 20 Zentimetern auswirkte. „Auch Niedersachsen profitiert davon." Schönbohm bestätigte, dass Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) die Potsdamer Regierung dringend um Öffnung der Havelwehre gebeten habe. Am Nachmittag wurde im Havelland ein weiterer Deich gesprengt, um den Abfluss des Wassers in den so genannten Polder 3 zu ermöglichen. Schönbohm versicherte, dass das Wasser maximal die Ortsränder von Anrainergemeinden erreichen werde. Lediglich Strodehne bekomme Probleme mit der Zufahrt, doch biete man Transporthilfe an.

Schönbohm zog eine positive Zwischenbilanz des Hochwassereinsatzes: Die Pegel seien gesunken, die Deiche verstärkt, Evakuierungen mit Augenmaß erfolgt, und trotz nächtlicher Arbeiten mit schwerem Gerät habe es keine Unfälle gegeben. Um so „betroffener“ sei er über den Tod der beiden Radioreporter, die am Vortag bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.

Ungewiss ist, ob das Elbhochwasser ökologische Probleme nach sich zieht: Zwar wurden bislang keine höheren Schadstoffbelastungen gemessen, anders als beim Oderhochwasser, sagte Freude. Dennoch wird weiter geprüft. Durch vermehrtes Bakterienwachstum sei aber der Sauerstoffgehalt des Elbwassers knapp geworden, so dass es zu einem Fischsterben kommen könnte.

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