Der Tagesspiegel : Er ist wieder hier, in seinem Revier

Der gebürtige Cottbuser Frank Szymanski wurde zum Oberbürgermeister seiner Heimatstadt gewählt Der SPD-Mann setzte sich gegen Holger Kelch (CDU) durch, den auch die PDS unterstützte

Sandra Dassler

Cottbus – So viel Freibier wie gestern Abend ist in Cottbus schon lange nicht mehr geflossen. Gegen 18 Uhr war die Spannung im Stadthaus am Cottbuser Altmarkt, wo sonst die Parlamentarier beraten, ins Unerträgliche gestiegen. Spätestens seit 16 Uhr stand fest, dass sich genügend Cottbuser an der Wahl ihres neuen Oberbürgermeisters beteiligten. Der Sieger musste nämlich mindestens 15 Prozent der Stimmen erhalten. Um 18.45 Uhr stand fest, dass Kelch es nicht mehr schaffen konnte. Und dann wurde unter großem Jubel der mehr als 200 SPD-Sympathisanten im Stadthaus das vorläufige Endergebnis bekannt gegeben: 61, 16 Prozent für Frank Szymanski (SPD), 38,84 Prozent für Holger Kelch (CDU).

Der in Cottbus geborene Szymanski wird seine Heimatstadt nun also die nächsten acht Jahre regieren. Ihm, den auch die Grünen unterstützt hatten, war die Erleichterung über das Votum. Schließlich hatte sich der Minister die Entscheidung, in Cottbus anzutreten, nicht leicht gemacht. Und so mischte sich auch etwas Wehmut in die Freude des 50-Jährigen, als Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck seinem Parteifreund immer wieder auf die Schulter klopfte.

Platzeck hatte im Wahlkampf aufkommende Gerüchte dementiert, er habe Szymanski die Pistole auf die Brust gesetzt, um ihn zur Kandidatur in Cottbus zu überreden. „In Wirklichkeit habe ich Szymanski nach Cottbus geholt“, sagt Reinhard Drogla. Der SPD-Stadtverordnete und Leiter eines Cottbuser Kinder- und Jugendtheaters gilt als Strippenzieher hinter seinem Parteifreund Szymanski, mit dem er nach den offiziellen Statements ausgelassen im Cottbuser Szenecafe Zelig feierte. Zusammen mit Drogla sang der künftige OB den Westernhagen-Song „Ich bin wieder hier, in meinem Revier…“. Ein Lied, das so wunderbar in die einstige „Energie-Hauptstadt“ der DDR mit ihren Braunkohletagebauen passt.

Wundenlecken gab es zur gleichen Zeit in der „Freizeitoase am Amtsteich“. Dort hatte Kneipen- und PDS-Chef Jürgen Siewert nach der Abwahl der parteilosen Oberbürgermeisterin Karin Rätzel im Juli jenes legendäre Bündnis zwischen PDS und CDU geschmiedet – mit seinem Freund Holger Kelch, der bis zum Amtsantritt von Szymanski in vier Wochen weiter kommissarisch die Geschäfte im Rathaus führt. Diese ungewöhnliche Allianz, von manchen als Auferstehung der „Nationalen Front der DDR“ geschmäht, hatte deutschlandweit Verwunderung hervorgerufen. Landes- und Bundes-CDU forderten ihre Cottbuser Parteifreunde mehrfach auf, einen solchen „Tabubruch“ nicht zu begehen, aber auch die Intervention des märkischen Unionschefs Jörg Schönbohm hat die Cottbuser nicht beeindruckt. Und so hat es für Kelch trotz der Rückendeckung auch von der FDP, der Frauenliste, einem unabhängigen Wählerverein und der PDS nun nicht gereicht.

Szymanski bekommt gut zu tun. Cottbus ist hoch verschuldet, ein überdimensioniertes Heizwerk trieb die Stadtwerke fast in die Insolvenz – ein Thema, das gar den Bundesrechnungshof beschäftigte. Der Haushalt für 2006 ist nicht bestätigt, die Abwanderung konnte nicht gestoppt werden. Als Erstes muss der neue Oberbürgermeister nun die Jahre langen Querelen im Rathaus und in der Stadtverordnetenversammlung beenden. Die führten dazu, dass innerstädtische Vorhaben verzögert oder verhindert wurden, Investoren absprangen und die Entwicklung der Stadt seit Mitte der 90er Jahre stagniert. Szymanski hat angekündigt, dass er sich schon heute Abend mit allen Fraktionsvorsitzenden an einen Tisch setzen will.

Für Kelch, der Szymanski fair zum Sieg gratulierte, war der einzige Lichtblick die Wahlbeteiligung. Die lag mit 40 Prozent immerhin weit über den 28 Prozent bei der letzten Kommunalwahl.

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