Der Tagesspiegel : Er trug die Eule nach Deutschland

1950 erfand Kurt Kretschmann das Naturschutzzeichen. Jetzt feierte er seinen 90. Geburtstag

Claus-Dieter Steyer

Bad Freienwalde. Sein größtes Geschenk hatte Kurt Kretschmann schon einige Tage vor seinem 90. Geburtstag in Augenschein genommen. Doch dabei war der Nestor des ostdeutschen Naturschutzes so außer Atem und ins Schwitzen geraten – dass er es gestern bei einem Blick aus der Entfernung beließ. Dafür schickte er seine zahlreichen Gratulanten zu dem Präsent, das ihm der Verein für das von ihm begründete „Haus der Naturpflege“ gemacht hatte: einem hölzernen Aussichtsturm, der aus 13,30 Meter Höhe einen weiten Blick über das Oderbruch erlaubt. Die Stelle dafür hatte Kurt Kretschmann am Rande seines Gartens schon vor 40 Jahren ausfindig gemacht: 1964 baute er mit seinem Sohn einen ersten Ausguck, der aber wegen seiner ungewöhnlichen Konstruktion schnell einen Spitznamen erhielt: „Wackelturm“. Sein Nachfolger aber steht nun sicher und dürfte zu einem neuen Anziehungspunkt in Bad Freienwalde werden, deren Ehrenbürger Kurt Kretschmann seit einigen Jahren ist.

Doch nicht nur in Nordostbrandenburg machte sich der groß gewachsene Mann einen guten Namen. Gestern Abend hatte sich zur Gratulationscour sogar Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) angesagt, nachdem Kretschmann schon am Vormittag von Brandenburgs Landwirtschaftsminister Wolfgang Birthler (SPD) als einer der „berühmtesten Brandenburger“ gewürdigt worden war. Er sei nach wie vor im Umwelt- und Naturschutz aktiv und damit „Vorbild für uns alle“.

Überregional bekannt aber ist Kretschmanns vor allem als Erfinder der Naturschutzeule zur Kennzeichnung besonders wertvoller Naturräume. 1950 zeichnete er erstmals eine schwarze Waldohreule auf einen gelben Untergrund und stellte das Schild im nahen Oderbruch auf. „Die Eule galt damals als Totenvogel“, erinnerte sich Kurt Kretschmann. „Wo ihr Ruf in den Dörfern zu hören war, glaubten die Menschen an den nahen Tod eines Kranken. Dabei fühlten sich die Tiere nur durch das Licht in den Fenstern angezogen, um Insekten zu fangen.“ Zusammen mit seiner vor drei Jahren verstorbenen Ehefrau Erna ärgerte er sich damals über die „Verleumdung der Eulen“ und so dachte sich Kretschmann das Symbol für den Naturschutz aus. Im Westen Deutschlands entschied man sich dagegen fünf Jahre später für den Adler zur Kennzeichnung von Schutzgebieten. Mit dieser Zweiteilung war 1991 Schluss. Zur Überraschung vieler entschieden sich die Umweltminister damals für das Eulenschild als gesamtdeutsches Symbol. Neben dem Ampelmännchen und dem grünen Pfeil an Ampelkreuzungen überstand also auch die Eule die Wiedervereinigung. „Die Eule ist das Zeichen der Weisheit. Der Adler steht dagegen für Macht. Es ist großartig, dass die Eule den Adler besiegte.“

Allerdings geht die Verbreitung der neuen Schilder im Westen nur schleppend voran. „Sie müssten deshalb im Naturschutzgesetz des Bundes festgeschrieben werden“, wünscht sich Kretschmann. Dadurch würde auch der Wirrwarr mit den Eulen-Varianten aufhören – denn noch könne sich jedes Bundesland sein eigenes Schild wählen. Nur eine Eule muss es in jedem Fall sein.

Selbstverständlich schmückt das Schild auch den Lehrgarten am Haus der Naturpflege in Bad Freienwalde. Hier haben die Kretschmanns mit natürlichen Mitteln experimentiert und geforscht und die Erkenntnisse in Dutzenden Broschüren und Hunderten Vorträgen weitergegeben. Und das tut der gebürtige Berliner natürlich noch heute.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben