Er will kontrollieren und bestimmen. Das hat er in Krisen immer getan. Jetzt ist es anders – er kann nur noch reagieren. Die Spitzelaffäre macht ihn zum Getriebenen : Wer ist René Obermann?

Corinna Visser

JEDEN TAG KOMMEN NEUE DETAILS DER TELEKOM-AFFÄRE ANS LICHT. WIE GEHT DEREN CHEF RENÉ OBERMANN MIT SOLCHEN KRISEN UM?



50 000 haben Angst vor diesem Mann – so lautete eine der Schlagzeilen aus dem vergangenen Jahr. Die Deutsche Telekom zog damals in den größten Tarifkonflikt ihrer Geschichte. René Obermann hat ihn in aller Härte durchgefochten und sich am Ende durchgesetzt. Er habe vor niemandem Angst, sagt er in einem Interview. Doch nun hat der Telekom-Chef ein größeres Problem: Jetzt sind nicht nur die Mitarbeiter wütend. Die ganze Republik ist entsetzt über die Telekom. Der Konzern lebt vom Vertrauen seiner Kunden. Die Spitzelaffäre hat es zutiefst erschüttert. Obermann weiß um die Gefahr.

Er sucht die Öffentlichkeit, spricht in jede Kamera, lädt zu Pressekonferenzen, gibt Interviews. Er holt einen ehemaligen Bundesrichter als Chefaufklärer an seine Seite. So will er den Schaden begrenzen. „Er ist sehr bedacht auf seine Rolle. Dass er gut dasteht und nicht der Funken eines Verdachts auch auf ihn fällt“, sagt ein Konzernkenner. Immer wieder betont Obermann, dass das Unternehmen mit aller Kraft an der Aufklärung arbeitet. Doch eine Frage bleibt: Warum hat er nicht gleich den Staatsanwalt eingeschaltet, als er von einem ersten Bespitzelungsfall erfuhr?

Eigentlich geht Obermann Konflikten nicht aus dem Weg. Er geht direkt auf sie zu. Mit hohem Tempo. Nach seinem Amtsantritt im November 2006 hat er den kriselnden Konzern durchforstet und analysiert, hat die zuvor gegeneinander intrigierenden Konzernteile auf Linie gebracht. „Save for Service“ – Sparen für besseren Service – lautete sein Programm. Dafür sollten 50 000 Mitarbeiter länger arbeiten und weniger verdienen. Er trat in Maybrit Illners Talkshow auf, um für seinen Plan zu werben. Er redete mit Politikern, sprach auf Abendveranstaltungen mit Wirtschaftsvertretern. „Die Telekom segelt knapp über Grund“, sagte er mahnend. Immer wieder sprach er auch mit Mitarbeitern, um seine Standpunkte klarzumachen: Wenn die Telekom ihre Kosten nicht senkt, stehen bald noch viel mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel, lautete sein Argument.

Einmal packt den Selbstbewussten aber dann doch die Angst: Bei einer Betriebsversammlung in Hamburg im April vergangenen Jahres stehen plötzlich nicht geladene Mitarbeiter vor der Tür, die lautstark protestieren. In aggressiven Sprechchören verlangen sie: „Herr Obermann, kommen sie raus!“ Die Veranstaltung verlässt er durch den Hinterausgang.

Doch am Ende erreicht er sein Ziel: Die Mitarbeiter arbeiten künftig zu deutlich schlechteren Konditionen. Die Spuren der harten Auseinandersetzung sind ihm allerdings deutlich anzusehen: In sein jungenhaftes Gesicht haben sich tiefe Stirnfalten eingegraben.

Es werden weitere hinzukommen. Im Mai 2008 steuert die Telekom wieder in Richtung Grund. Aber die Situation ist eine andere: Was in der Spitzelaffäre passiert, kann Obermann nicht kontrollieren – und das missfällt einem Perfektionisten wie ihm. „Er ist genervt“, sagt ein Bekannter, „weil ihn das vom eigentlichen Geschäft abhält, die Telekom wieder auf Kurs zu bringen.“

WAS FÜR EIN MANAGERTYP IST OBERMANN?

Bis Obermann Telekom- Chef wird, ist ihm Krisenmanagement fremd. In seiner Karriere geht es immer nur bergauf. Er ist einer der Pioniere des deutschen Mobilfunks. Das war über viele Jahre eine echte Wachstumsbranche. Er gründet als Student ein Unternehmen und verkauft es mit ansehnlichem Gewinn, er steigt bei der Telekom ein, und nach nur acht Jahren steht er an der Spitze von Europas größtem Telekommunikationsunternehmen. Obermann ist der jüngste Chef eines Dax- Konzerns. In seinem Geschäft kennt sich kaum einer so aus wie er.

Das liegt auch an seiner Detailverliebtheit. Immer wieder verblüfft er seine Gesprächspartner mit Zahlen, Fakten und Zusammenhängen, die er aus dem Stegreif parat hat. „Das macht er brillant“, erkennt selbst ein Kritiker an. Obermann hat nicht die typische Laufbahn als Absolvent einer Eliteuni mit nachfolgender Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung hinter sich – anders als es sein geschliffenes Auftreten vermuten lässt. Er ist ein Selfmademan, der aus einfachen Verhältnissen kommt. Der Verkauf seiner ersten Firma, die er als Student gründete, macht ihn zum Millionär. Das Studium hat er danach nie abgeschlossen.

„Obermann ist klar und berechenbar als Führungskraft“, sagt einer, der mit ihm gearbeitet hat. Obermann fasst nach, wenn er einen Auftrag vergeben hat. Er will Ergebnisse sehen, verlangt die gleiche Disziplin von seinen Leuten wie von sich selbst. Widersprechen darf ihm nur, wer gute Argumente hat. Einen Hang zum Apodiktischen bescheinigen ihm daher auch die, die ihm weniger wohl gesonnen sind.

WAS HAT OBERMANN AUS DER TELEKOM GEMACHT?

„Focus, fix and grow“, so lautet in knappen drei Worten die Vorgabe, die Obermann dem Konzern Anfang 2007 macht. Konzentrieren und gezielt wachsen, so nennt er das heute auf Deutsch. Konzentrieren soll sich der Konzern vor allem auf schnelle Internetverbindungen. Und: Die Kosten müssen runter, das bedeutet auch weiteren Personalabbau. 50 000 Mitarbeiter arbeiten inzwischen für weniger Geld in den Servicegesellschaften. Obermann weist immer wieder darauf hin, dass damit das Ende nicht erreicht ist. Zugleich soll der sprichwörtlich schlechte Service besser werden. So will Obermann auch den massiven Kundenschwund bremsen, der der Telekom im Inland zu schaffen macht. Das Wachstum kommt aus dem Mobilfunk. Ausgerechnet die US-Mobilfunktochter sorgt für Lichtblicke in der Bilanz. Ironie bei der Sache: Der Kauf des Unternehmens Voicestream im Jahr 2000 war so umstritten, dass der frühere Vorstandschef Ron Sommer darüber stürzte. Für mehr als eine Milliarde hat der Konzern nun in den vergangenen Monaten zugekauft, wieder in den USA, in den Niederlanden, in Griechenland.

Trotzdem: Die Analysten vermissen eine klare Strategie. Kosten runter, Service verbessern – das seien Ziele, die für ein kundenorientiertes Unternehmen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Und es sei zu wenig, um die Fantasie des Aktienmarktes zu beflügeln. Einige Monate ging es mit der T-Aktie zwar bergauf. Doch heute ist sie 18 Prozent weniger wert als zu Obermanns Amtsantritt.

Bisher gibt es keine Anzeichen, dass die Bundesregierung nicht mehr hinter ihm steht, so wie es am Ende bei seinen Vorgängern Ron Sommer und Kai-Uwe Ricke der Fall gewesen war. Der Bund ist immer noch größter Aktionär der Telekom. Der US-Investor Blackstone, der seit seinem Kauf von 4,5 Prozent der Telekom-Anteile mit dem Investment viel Geld verloren hat, hat Obermann jüngst vor der Hauptversammlung sogar ausdrücklich gelobt.

WAS TREIBT IHN AN?

Nahezu dogmatisch orientiere sich Obermann an Aktienkurs und Rendite – das werfen ihm Arbeitnehmervertreter vor. An die Menschen im Unternehmen, die seit 1995 rund 20 Umstrukturierungen durchlebt haben, denke er viel zu wenig. Der Vorstandschef gehe seinen Weg entschlossen voran, die Menschen aber, die nehme er nicht mit.

Auch wenn Obermann ein Faktenmensch ist, so ist er doch im höchsten Maße emotional. Und gerade den Vorwurf, er achte die Mitarbeiter seines Unternehmens nicht, weist er von sich. „Vorstände sind austauschbar, Sie sind nicht austauschbar“, sagt er zu den Mitarbeitern auf der Betriebsversammlung in Hamburg. Applaus bekommt er dafür nicht.

Greift jemand die Telekom an, fühlt er sich persönlich angegriffen. „Er bezieht alles auf sich“, sagt einer, der ihn gut kennt. „Selbstzweifel sind nicht sein Ding.“ Aber so ganz stimmt das wohl nicht. Obermann ist sich durchaus bewusst, dass es ihm mit der Aufzählung von Fakten, und mögen sie noch so richtig sein, nur selten gelingt, Menschen zu überzeugen. Darum hat er sich einen Rat geben lassen: „Wenn man die Menschen zum Segeln bringen will, muss man sie vom Meer träumen lassen“, lautete der Ratschlag, an den er sich erinnert. Und obwohl er keine Berührungsängste hat, in die Niederungen der Telekom hinabzusteigen – in die T-Punkte, Callcenter und Kundenniederlassungen – es gelingt ihm dort offenbar nicht, andere zu animieren, seinen Traum mit ihm zu träumen. Die Telekom will er „zu einem Weltmarktführer für Produkte und Services rund um das vernetzte Leben und Arbeiten machen“. So sagte er es jüngst seinen Aktionären. Begeisterungsstürme hat er damit nicht ausgelöst.

Durchhaltevermögen auch in Krisenzeiten, das hat er im vergangenen Jahr bewiesen. Die Erkenntnis, dass man nicht ewig so weitermachen kann, auch. Mit 55 werde er den Job ganz sicher nicht mehr machen, sagte er damals. Aber er sagte auch: „Ich habe mein Leben lang gearbeitet, aus Überzeugung und aus Spaß.“

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